{"id":303,"date":"2014-06-01T12:59:32","date_gmt":"2014-06-01T10:59:32","guid":{"rendered":"http:\/\/www.schwetter.de\/blog\/?p=303"},"modified":"2014-06-01T13:00:10","modified_gmt":"2014-06-01T11:00:10","slug":"sun-ra-und-die-verkoerperung-des-weltalls","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.schwetter.de\/blog\/?p=303","title":{"rendered":"Sun Ra und die Verk\u00f6rperung des Weltalls"},"content":{"rendered":"<p>Laudatio anl\u00e4sslich des 100. Geburtstags von Sun Ra, 22.05.2014, Big Buttinsky, Osnabr\u00fcck.<br \/>\nLizenz: Creative Commons CC-BY 3.0\t<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.schwetter.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2014\/06\/IMG_7884.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.schwetter.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2014\/06\/IMG_7884-300x197.jpg\" alt=\"Holger Schwetter w\u00e4hrend des Vortrags im Big Buttinsky.\" width=\"300\" height=\"197\" class=\"alignleft size-medium wp-image-305\" srcset=\"https:\/\/www.schwetter.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2014\/06\/IMG_7884-300x197.jpg 300w, https:\/\/www.schwetter.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2014\/06\/IMG_7884.jpg 581w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/a><\/p>\n<p>Sun Ra\u00b4s Outer-Space-Metaphorik erscheint zun\u00e4chst abgehoben und ohne gro\u00dfen Zusammenhang mit sozialer Realit\u00e4t, Politik oder Gesellschaft. Die Bez\u00fcge sind jedoch vielf\u00e4ltig und erscheinen zun\u00e4chst ironisch gebrochen. So heisst es in dem Song &#8218;Outerspaceways Incorporated&#8216;: \u201eIf you find earth boring, just the same old same thing, you better sign up with outerspaceways incorporated.\u201c Es gibt die M\u00f6glichkeit eines \u00dcbergangs, eines Mitwirkens.<br \/>\n<!--more--><br \/>\nIn dem Film <a href=\"http:\/\/www.imdb.com\/title\/tt0072195\/\">\u201eSpace is the Place\u201c<\/a>, den wir gerade gesehen haben, unterh\u00e4lt die Firma \u201eOuterspaceways Incorporated\u201c ein Rekrutierungsb\u00fcro. Dort kann man anheuern, aber nur wenige Auserw\u00e4hlte werden genommen. Der Firmenname ist ein Beispiel von Sun Ra\u00b4s allgegenw\u00e4rtiger Sprachspielerei und gibt einen Hinweis darauf, wie die Rekrutierung au\u00dferhalb des Films funktioniert. Die Firma ist keine Corporation, keine k\u00f6rperlose juristische K\u00f6rperschaft, sondern, im Gegenteil, sie ist incorporated, inkorporiert und verinnerlicht, sie wird von Individuen verk\u00f6rpert. Hierzu gilt es, die \u00e4u\u00dferen Himmelswege im eigenen K\u00f6rper verankern; wenn man das tut, wird man scheinbar Angestellter oder besser Mitglied, denn eine Bezahlung ist selbstverst\u00e4ndlich nicht vorgesehen. Geld besitzt dort keine Bedeutung.<br \/>\nDoch was soll all die Mystik, wozu die endlose Weltraum-Rhetorik, die hermetisch \u2013 geheimnisvolle Wortverdrehung und die eklektizistische Aneignung juristischer, alt\u00e4gyptischer und anderer magischer Symbole? Um das zu kl\u00e4ren, schauen wir zun\u00e4chst, aus welchen Traditionen Sun Ra seine \u00e4sthetischen Strategien entwickelt.<br \/>\nEine Strategie der afro-amerikanischen Kulturen in den USA, mit Sprache umzugehen, die in musikalischer Praxis sichtbar wird ist das sogenannte Signifying. Diese Strategie entstand zur Zeit der Sklaverei. Hierbei werden Songtexte doppelt oder sogar mehrfach kodiert. Die Texte werden so gestaltet, dass sie mindestens zwei Bedeutungen gleichzeitig tragen. Die erste Ebene der Grundbedeutung des Textes klingt harmlos, sie ist f\u00fcr die wei\u00dfen Unterdr\u00fccker da und signalisiert ihnen: dieser Text ist gottesf\u00fcrchtig oder harmlos, vielleicht naiv oder sogar bescheuert, aber auf gar keinen Fall kritisch, subversiv oder f\u00fcr die herrschende Ordnung gef\u00e4hrlich. Die zweite Textebene  richtet sich an die H\u00f6rer, die die Kultur der S\u00e4nger teilen und f\u00fcr die die Musik gemacht ist. Sie wird mit einer Vielzahl literarischer Mittel hergestellt und transportiert die Inhalte, um die es den S\u00e4ngern wirklich geht.<br \/>\nIm Fall des Gospels ist dieser Adressat die schwarze Gemeinde. Einer der ber\u00fchmtesten Gospels aus der Zeit der Sklaverei, \u201eGo down, Moses\u201c, ist ein gutes Beispiel f\u00fcr die Strategie des Signifying, umgesetzt hier als eine Konnotation, eine Sinn\u00fcbertragung des Textinhalts: \u201eGo down, Moses, way down in Egypt land. Tell Ol Pharao, to let my people go.\u201c Die schwarzen Gemeinden in der Sklaverei beziehen die alttestamentarische Geschichte vom Auszug des israelischen Volkes aus der Sklaverei auf ihre eigene Situation. Der Pharao, das sind ihre Sklaventreiber, sie werden aufgefordert: lass unsere Leute ziehn! Von au\u00dfen betrachtet sieht man eine schwarze Gemeinde beim Gotteslob.<br \/>\nDass derartig offensichtliche Doppelkodierungen nicht auffielen, liefert einen Hinweis darauf, wie weit die kulturellen Lebenswelten durch die Rassentrennung voneinander entfernt waren. Die Doppelkodierung funktioniert gut und wird zu einem festen Bestandteil afro-amerikanischer Musikkulturen, die sich immer unter Beobachtung der herrschenden wei\u00dfen Kultur sehen. Die Technik funktioniert beispielsweise auch gut, um in der pr\u00fcden US-amerikanischen Kultur sexuelle Themen zu transportieren. Stilbezeichnungen wie Boogie Woogie oder Rock\u00b4n\u00b4Roll entstehen aus harmlos klingenden Wortspielen in Songtexten, die sexuelle Vergn\u00fcgungen beschreiben. Elvis tr\u00e4gt die Botschaften ins wei\u00dfe Amerika, diese bemerkt die K\u00f6rperbetonung der Musik und wird davon sehr beunruhigt, aber die Wortspiele verstehen die meisten nicht. Ihre zweite Bedeutung wird von den Afroamerikanern gewohnheitsgem\u00e4\u00df nur in Ausnahmef\u00e4llen an Wei\u00dfe kommuniziert.<br \/>\nSun Ra wird 1914 geboren und w\u00e4chst in einer der rassistischsten Gegenden der USA auf, in Birmingham, Alabama. Er erlebt die Rassentrennung und verinnerlicht die afroamerikanischen \u00dcberlebensstrategien. Sun Ra\u00b4s Outer Space Metaphorik steht eindeutig in dieser Tradition und das Signifying geh\u00f6rt zu seinem \u00dcberlebenswerkszeug. Im gerade gezeigten Film \u201eSpace is the Place\u201c erkl\u00e4rt er selbst einer Gruppe schwarzer Jugendlicher in einem Jugendclub, wie seine Version des Signifying funktioniert.<br \/>\n\u201eHow do you know I\u00b4m real? I\u00b4m not real. I am like you. You don\u00b4t exist in this society.\u201c Die Au\u00dferirdischen, das sind f\u00fcr ihn die Afroamerikaner, und der Planet weit weg, in Outer Space, das ist die Nation, in der sie herrschen. Die Sehnsucht nach dem Weltall transportiert die Sehnsucht nach einer afroamerikanischen Gesellschaft, aber nur f\u00fcr die Eingeweihten, die die Kodierung kennen. F\u00fcr die anderen ist er ein Spinner, ein Freak unter den Freaks.<br \/>\nDie doppelte Kodierung birgt f\u00fcr Sun Ra Vorteil und Nachteil zugleich. Einerseits bewahrt sie ihn auch in Zeiten von B\u00fcrgerrechtsbewegung, rassistischen Attentaten und den Black Panthern vor Verfolgung und Repression, andererseits bleibt er immer ein Au\u00dfenseiter. Seine politische Vision bleibt wie geplant verborgen, die Revolution findet selbstverst\u00e4ndlich nicht statt. Doch Sun Ra erringt einen wesentlichen Erfolg. Als Freakigster unter den Freaks gelingt es ihm, eine eigene musikalische Nische zu kreieren. \u00dcber Jahrzehnte hinweg unterh\u00e4lt er seine Big Band, das Arkestra, ohne kommerzielle Erfolge und teilweise unter widrigsten Bedingungen. Er erbaut ein eigenes musikalisches Universum. Dies ist handwerklich grundsolide bis h\u00f6chst avantgardistisch in die Jazz-Tradition eingebunden. Mit Big Band und Musikelektronik schafft er klanglich und emotional einen ganz eigenen Ausdruck. Die Metaphorik des Outer Space korrespondiert mit einer Musik, die im besten Sinne far out ist, ohne drogeninduziert zu sein. Sie bezieht sich nicht auf das herrschende System, ist weder affirmativ noch kritisch. Sun Ra sagt, der Erde ginge es schlecht, weil die Musiker dazu gezwungen werden, die falsche Musik zu spielen. Da auch die Kritik untrennbar mit dem System verbunden ist und den Blick nicht von ihm wenden kann, verzichtet Sun Ra auf derlei Bez\u00fcge.<br \/>\nEr sucht sein Heil woanders und das Entscheidende ist, Sun Ra\u00b4s Outer-Space-Philosophie wird musikalisch produktiv. Er schafft Emotionen, die sich nicht auf die momentane Herrschaft beziehen. Sun Ra begn\u00fcgt sich nicht mit der Klage des Blues oder der Melancolie des Jazz. Er sucht nach Alternativen und findet ein positives, energiereiches Klangbild. Er euphorisiert seine Musiker und ihre Musik euphorisiert uns. Diese Musik zeigt uns, was m\u00f6glich ist im Outer Space, was der Mensch sein k\u00f6nnte, wenn er die Schemata der Unterdr\u00fcckung verliesse, und das nicht als Utopie, sondern als realisierter Klang. Der englische Musiksoziologe Simon Frith schreibt \u201eMusic gives us a real experience of what the ideal should be.\u201c Diese Chance, eine Idee in Musik zu realisieren und nicht blo\u00df zu beschreiben oder darzustellen sieht Sun Ra und er treibt sie ins Extrem.<br \/>\nSun Ra\u00b4s Afro-Space-Mystizismus liefert die Utopie einer menschenw\u00fcrdigen Gesellschaft der Aliens als der ehemals Ausgestossenen, sein Orchester, das Arkestra verk\u00f6rpert sie mit der Musik im Prozess des Musikmachens und dar\u00fcber hinaus. Wieder betreibt Sun Ra hier das Signifying als Sprachspiel der Marginalisierten. Arkestra, so klingt es, wenn das Wort Orchester mit S\u00fcdstaatenakzent ausgesprochen wird, und zugleich ist es die Ark, die Arche, das rettende Schiff f\u00fcr Sun Ra. So jedenfalls beschreibt es Klaus Walter in der taz.3 Ebenso kann es auch als Wortspiel mit Arcanum, dem Geheimnis in mystischen Lehren oder den Arkana, den Karten des Tarots, die im Film \u201eSpace is the Place\u201c ebenfalls eine wichtige Rolle spielen, interpretiert werden. Die Mehrdeutigkeit solcher Wortspiele ist es, die Sun Ra fasziniert.<br \/>\nUm von der blo\u00dfen Darstellung wegzukommen und die Verk\u00f6rperung zu erreichen, die Arche zu sein, bezahlen Sun Ra und seine Musiker einen hohen Preis: sie f\u00fchren ein Leben in einer sektenartigen und vollkommen auf die Musik ausgerichteten Gemeinschaft abseits von \u00d6ffentlichkeit und Musikmarkt ohne viel Geld, in einer, wie Klaus Walter es ausdr\u00fcckt \u201eDialektik von Freiheit und Disziplin\u201c und wirken dabei, wie in der filmischen Dokumentation <a href=\"http:\/\/www.imdb.com\/title\/tt0270677\/\">\u201eSun Ra: A Joyjul Noise\u201c<\/a> zu sehen ist, merkw\u00fcrdig tiefenentspannt.<br \/>\nUnd was sagt uns dieser Lebensentwurf heute? Weit davon entfernt, so vermessen zu sein, die Situation des Mittelstands im Deutschland der Gegenwart mit der Rassentrennung in den USA zu vergleichen, m\u00f6chte ich doch abschlie\u00dfend das verehrte und privilegierte Publikum fragen: F\u00fchlt ihr euch als Menschen? Glaubt ihr, dass ihr dazu geh\u00f6rt, zur Gesellschaft der Zukunft, wie sie f\u00fcr uns medial imaginiert wird? F\u00fchlt ihr euch respektiert und zur Teilhabe eingeladen, einfach nur, weil es euch gibt? \u00d6ffnen sich f\u00fcr euch die T\u00fcren? Oder werden sie verschlossen, w\u00e4hrend man euch erz\u00e4hlt, dass, wer an der Gesellschaft teilhaben will, in Zukunft jeden Tag darum k\u00e4mpfen muss?<br \/>\nSun Ra sagt uns: Wir sind hier fremd. Wir werden nicht gebraucht. Machen wir etwas daraus. Schaffen wir etwas, das weder System noch Widerstand dagegen ist. Eigene Symbole, eigene Regeln, eigene Zusammenh\u00e4nge, mit Freiheit und Disziplin. Ganz sch\u00f6n hohe Anspr\u00fcche, konzentriert durchgesetzt und in der eigenen Person inkorporiert, deshalb taugt Sun Ra so gut dazu, als Idealbild verehrt zu werden. Auch wenn dieser Ansatz in der konsequenten Nachahmung vermutlich einen heroisch \u2013 tragischen Verlauf nehmen w\u00fcrde und kaum jemand, der Redner eingeschlossen, bereit w\u00e4re, den hohen Preis daf\u00fcr zu zahlen; es ist gut und richtig, Sun Ra\u00b4s Musik zu h\u00f6ren und zu wissen, was m\u00f6glich ist, was Humanit\u00e4t bedeutet und was in der Abwesenheit von Unterdr\u00fcckung geleistet werden kann. Dem k\u00f6nnen wir uns auch mit kleinen Schritten ann\u00e4hern. Daher m\u00f6chte ich mich Sun Ra\u00b4s Worten anschlie\u00dfen und euch zurufen: \u201eIf you find earth boring, just the same old same thing, you better sign up with outerspaceways incorporated!\u201c<\/p>\n<p>Literaturliste:<br \/>\nClaus Walter: Musik f\u00fcr ein besseres Morgen. taz.de vom 15.05.2014. http:\/\/www.taz.de\/1\/archiv\/digitaz\/artikel\/<br \/>\nSimon Frith, 1998. Performing Rites. On the value of popular music. Cambridge, Mass.: Harvard University Press, S. 274.<\/p>\n<p>Der Vortrag als pdf-Datei:<br \/>\n<a href=\"https:\/\/www.schwetter.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2014\/06\/Sun_Ra_und_die_Verkoerperung_des_Weltalls.pdf\">Sun_Ra_und_die_Verkoerperung_des_Weltalls<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Laudatio anl\u00e4sslich des 100. Geburtstags von Sun Ra, 22.05.2014, Big Buttinsky, Osnabr\u00fcck. 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