{"id":332,"date":"2016-03-03T14:49:15","date_gmt":"2016-03-03T12:49:15","guid":{"rendered":"http:\/\/www.schwetter.de\/blog\/?p=332"},"modified":"2016-03-03T14:50:38","modified_gmt":"2016-03-03T12:50:38","slug":"steiffen-balls","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.schwetter.de\/blog\/?p=332","title":{"rendered":"Steiffen Balls"},"content":{"rendered":"<p>Mir ist da etwas aufgefallen, was das Cover des aktuellen Christian Steiffen Albums \u00bbFerien vom Rock\u00b4n Roll\u00ab betrifft. Es hat eine gro\u00dfe \u00c4hnlichkeit mit dem Cover der LP \u00bbBalls to the Wall\u00ab der deutschen Rockband Accept aus dem Jahr 1983. Ich habe die Bilder mal zusammengef\u00fcgt und siehe da, sie &#8222;passen&#8220; gut zusammen: der Saum von Motorradlederjacke und Nierengurt verl\u00e4uft in identischer H\u00f6he. Linkes Bein, rechtes Bein, der Zoomfaktor und die H\u00f6he des Ausschnitts passen nicht ganz \u2013\u00a0geschenkt.<br \/>\n<a href=\"https:\/\/www.schwetter.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2016\/03\/steiffen_balls.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.schwetter.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2016\/03\/steiffen_balls-300x148.jpg\" alt=\"steiffen_balls\" width=\"300\" height=\"148\" class=\"alignleft size-medium wp-image-333\" srcset=\"https:\/\/www.schwetter.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2016\/03\/steiffen_balls-300x148.jpg 300w, https:\/\/www.schwetter.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2016\/03\/steiffen_balls-1024x506.jpg 1024w, https:\/\/www.schwetter.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2016\/03\/steiffen_balls.jpg 1200w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/a><br \/>\nSo eine strukturelle \u00c4hnlichkeit fordert zu einer gemeinsamen Besprechung heraus, schlie\u00dflich packt man auch gerne W\u00f6rter zusammen, die sich reimen, auch wenn sie einen v\u00f6llig anderen Sinn tragen.<\/p>\n<p><!--more--><!--more--><\/p>\n<p>Wenn wir vom anderen Sinn ausgehen, sollten wir damit beginnen, \u00fcber Abst\u00e4nde zu sprechen. Von \u00bbBalls to the Wall\u00ab zu \u00bbFerien vom Rock\u00b4n Roll\u00ab, das sind zun\u00e4chst einmal 33 Jahre zeitlicher Abstand. Biographisch bedeutet das f\u00fcr mich: Meine erste Hardrock-Schallplatte. Abh\u00e4ngen mit Kumpeln auf dem Spielplatz im Dorf, Bier trinken. Christian Steiffen, das ist die Gegenwart, \u00fcber ihn wird in Familie und Freundeskreis manchmal erregt diskutiert. Ist das nun Schlager oder nicht? Ist seine Musik ironisch genug, um einen Abstand zum Schlager deutlich zu markieren? Wie nehmen ihn wohl seine Fans wahr?<br \/>\nEines ist klar: Christian Steiffen ist ironisch, aber selten zynisch. Er inszeniert sich als Egomanen und thematisiert die B-Seiten menschlicher Beziehungen, \u00fcber die man sonst gerne schweigt. Zum Beispiel auf dieser Platte mit dem Song &#8222;Du und Ich&#8220;. Zwei Menschen verlassen sp\u00e4t nachts die Party und gehen miteinander ins Bett, obwohl sie sich eigentlich nicht ausstehen k\u00f6nnen. In den 90ern nannten manche das absch\u00e4tzig &#8222;Reste ficken&#8220;; aber wie das so ist, wenn zwei Reste sich entschlie\u00dfen, wird meines Wissens nach selten besungen (Wer Beispiele wei\u00df: bitte gerne per Email an mich).<br \/>\nAuch  der Titel des neuen Albums \u00bbFerien vom Rock\u00b4n Roll\u00ab  wird auf dem Cover ironisch in Szene gesetzt. Motorradlederjacke und Totenkopfring werden mit bunt gemusterter Badehose kombiniert, die Hand ist locker in die H\u00fcfte gestemmt. Der Machoeffekt wird abgebremst und aufgefangen.<br \/>\nG\u00e4nzlich ironiefrei, stattdessen bierernst kommt dagegen das Cover von Accept daher. In schwarz-wei\u00df, Nierengurt unter der offenen Lederjacke, Unterhose statt Badehose, ein dramatisch inszeniertes stark behaartes M\u00e4nnerbein. Die Hand in wachsamer Spannung, bereit zum zuschlagen.  In der Hand eine Stahlkugel, die den Schlag noch h\u00e4rter machen wird. Der Albumtitel \u00bbBalls to the Wall\u00ab evoziert eine Situation, in der jemand mit dem R\u00fccken zur Wand steht. Diese Wand ist hinter der abgebildeten Person zu sehen. Im gleichnamigen Titelsong verbinden Accept die aggressive Rockerpose mit einem allegorischen Aufstand der Unterdr\u00fcckten: die Sklaven und all die Gefolterten werden eines Tages aufstehen, ihre Ketten abwerfen und Dich, werten H\u00f6rer, an die Wand stellen: sie werden dein Blut trinken. Drastische Worte in monumental-d\u00fcsterer Bildsprache. Alles wird bem\u00fcht, was das g\u00e4ngige englisch zu bieten hat: rape, murder, torture, flesh, bondage, chains, the damned&#8230;<br \/>\nChristian Steiffen hingegen w\u00fcnscht sich \u00bbFerien vom Rock\u00b4n Roll\u00ab. Das heisst f\u00fcr ihn: aufh\u00f6ren mit Party machen, endlich mal schlafen gehen und vorher einen Tee und keinen Schnaps trinken. Aber so ein Entschluss will nat\u00fcrlich gefeiert werden und dann geht die Party los und man merkt ziemlich schnell: es wird nichts werden mit den Ferien. F\u00fcr Christian Steiffen geht es um den alten Dreiklang von Sex &#038; Drugs &#038; Rock&#8217;n&#8217;Roll, ums &#8222;\u00fcber die Str\u00e4nge schlagen&#8220;. Die Musik von Accept atmet die d\u00fcstere, dystopische Stimmung der fr\u00fchen 80er Jahre, Christian Steiffen feiert den Weltuntergang hingegen in seinem Song \u00bbViva la Evolution\u00ab. Er scheint \u00fcberhaupt alles zu feiern.<br \/>\nAccept setzen ironiefrei H\u00e4rte und M\u00e4nnlichkeit gegen eine harte Welt, aber sie \u00fcberraschen auch. Der Song &#8222;Love Child&#8220; handelt davon, wie der S\u00e4nger sich in der \u00fcberraschenden Situation befindet, einen Mann sexuell verdammt attraktiv zu finden, und von der emotionalen und mentalen Konfusion \u00fcberrollt wird, die das ausl\u00f6st.<br \/>\nWenn man nur die beiden Cover kennt und nebeneinander h\u00e4lt, k\u00f6nnte man meinen, die Welt sei in den letzten 33 Jahren eine bessere geworden: der Macho kann \u00fcber sich selbst lachen. Kann er auch, und er kann benutzt werden, um uns etwas \u00fcber den Wahnsinn von heutiger Ich-Optimierung und Selbstvermarktung des Individuums zu erz\u00e4hlen.<br \/>\nEine andere M\u00f6glichkeit ist es, die beiden Cover als Yin und Yang m\u00e4nnlicher Posen zu lesen. Denn der Kampfeswille, die Untergangsstimmung und die archaischen Bilder sind immer noch da, pr\u00e4sent sind sie vor allem in der rechten Szene. Ob eine ironische Haltung als Gegenpol ausreicht oder ob auch andere mal ihre Distanz aufgeben und sich wieder der Anstrengung aussetzen sollten, politisch zu handeln, wird sich noch zeigen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Mir ist da etwas aufgefallen, was das Cover des aktuellen Christian Steiffen Albums \u00bbFerien vom Rock\u00b4n Roll\u00ab betrifft. 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