{"id":349,"date":"2016-12-22T12:31:09","date_gmt":"2016-12-22T10:31:09","guid":{"rendered":"http:\/\/www.schwetter.de\/blog\/?p=349"},"modified":"2016-12-22T17:49:32","modified_gmt":"2016-12-22T15:49:32","slug":"filmkritik-jim-jarmusch-paterson-2016","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.schwetter.de\/blog\/?p=349","title":{"rendered":"Filmkritik: Jim Jarmusch \u2013 Paterson (2016)"},"content":{"rendered":"<p>Vielleicht sollte man so beginnen, \u00fcber Paterson zu sprechen: Jim Jarmusch zeigt einen ganz normalen US-amerikanischen Arbeitsalltag in einer ganz normalen Kleinstadt namens Paterson. Der Protagonist, der den Namen seiner Heimatstadt tr\u00e4gt, ist Busfahrer und wohnt in einem kleinen Vorstadth\u00e4uschen aus Holz, seine Frau liebt ihn und umsorgt das Heim: ganz normale Durchschnittsmenschen, m\u00f6chte man meinen. Sch\u00f6ner Kitsch? Jim Jarmusch idealisiert dies Bild und irritiert es zugleich auf subtile Weise. Unverkennbar wird der Verlauf eines stabilen und gleichf\u00f6rmigen Alltags, dessen Dramaturgie nur kleine Probleme, Dramen oder H\u00f6hepunkte kennt, so detailliert ausgebreitet, dass er beinahe epische erscheint. Dies ist ein f\u00fcr Jim Jarmusch typischer Erz\u00e4hlstil, ebenso die gleichm\u00e4\u00dfige, wiederholungsorientierte Strukturierung: Der Film zeigt das Leben im Verlauf einer Woche von Montag bis zum folgenden Montag. Die Tagesabl\u00e4ufe strukturieren den Film: Sie beginnen jeweils mit der gleichen Einstellung von Patersons Bett kurz vor dem morgendlichen erwachen und enden abends in der Kneipe. Die Gro\u00dfform erz\u00e4hlt von der Gleichf\u00f6rmigkeit des Lebens. Alle Personen in dem Film sind sympathisch, es gibt keinen B\u00f6sewicht (gibt es in Jarmusch-Filmen ja sowieso nicht). Fast niemand ist wei\u00df. Und das ist eine der subtilen Irritationen: das ideale Arbeiterleben wird ganz selbstverst\u00e4ndlich von Menschen undefinierbarer bis schwarz-afrikanischer Herkunft gelebt. Der in den USA in der letzten Zeit wieder angeheizte Rassenkonflikt ist pr\u00e4sent, indem er abwesend ist: In Jim Jarmuschs Film ist er \u00fcberwunden, weil ist kein Thema mehr ist.<br \/>\n<div id=\"attachment_350\" style=\"width: 310px\" class=\"wp-caption alignleft\"><a href=\"https:\/\/www.schwetter.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2016\/12\/paterson-adam-driver-jim-jarmusch-6.jpeg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-350\" src=\"https:\/\/www.schwetter.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2016\/12\/paterson-adam-driver-jim-jarmusch-6-300x200.jpeg\" width=\"300\" height=\"200\" class=\"size-medium wp-image-350\" srcset=\"https:\/\/www.schwetter.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2016\/12\/paterson-adam-driver-jim-jarmusch-6-300x200.jpeg 300w, https:\/\/www.schwetter.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2016\/12\/paterson-adam-driver-jim-jarmusch-6-768x512.jpeg 768w, https:\/\/www.schwetter.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2016\/12\/paterson-adam-driver-jim-jarmusch-6.jpeg 1000w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-350\" class=\"wp-caption-text\">Adam Driver als Paterson<\/p><\/div><br \/>\n<!--more--><br \/>\nZugleich sind die meisten Protagonisten kulturinteressiert oder produzieren Kultur: Paterson dichtet, seine Frau bemalt W\u00e4nde, Gegenst\u00e4nde und Geb\u00e4ck mit schwarz-wei\u00dfen Strukturen. Der Wirt und manche G\u00e4ste in seinem Bus kennen sich mit der Geschichte der Stadt Paterson und vor allem den ber\u00fchmten Kulturpers\u00f6nlichkeiten, die sie hervorgebracht hat, gut aus. Der schwarze Besitzer eines heruntergekommenen Waschsalons rappt, und die ebenfalls schwarzen Gangmitglieder kennen sich mit exotischen Hunderassen gut aus. Allen voran und das legend\u00e4re Zentrum, um das der Film kreist: der Dichter <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/William_Carlos_Williams\" target=\"_blank\">William Carlos Williams (1883-1963)<\/a>, im Hauptberuf Arzt, der der Stadt ein episches Gedicht in f\u00fcnf B\u00e4nden widmete.<br \/>\nZum Wochenende hin spitzt sich das Drama zu: Am Freitag bleibt Patersons Bus liegen, am Samstag zerbei\u00dft Marvin, der Hund seiner Frau, das Notizbuch mit all seinen Gedichten. Paterson ist am Boden zerst\u00f6rt. Erst eine Zufallsbegegnung mit einem japanischen Touristen beendet seine Krise. Paterson sieht sich als Busfahrer und nicht als Dichter, der Tourist macht ihm klar, dass die meisten ber\u00fchmten Dichter eine Arbeit hatten, mit der sie Geld verdienten. Zum Abschied schenkt er Paterson ein neues Notizbuch.<br \/>\nWenn es nicht das Geld ist, dass die K\u00fcnstlerrolle definiert, wie das bei Berufen normalerweise der Fall ist, was ist es dann? Ist es die Anerkennung durch Andere, oder ist es das eigene Selbstverst\u00e4ndnis? Paterson sieht sich nicht als Dichter, und er weigert sich, seine Gedichte zu ver\u00f6ffentlichen oder auch nur ausgew\u00e4hlten Personen zu geben, aber als der Hund sein Notizbuch zerreist, bricht seine Welt zusammen. In der Krise merkt er, wie wichtig ihm das dichten ist. Er gelangt wieder ins Lot mit dem Moment, wo er den Titel eines neuen Gedichts in sein Notizbuch schreibt. Der Film l\u00e4sst sich auch als Allegorie lesen: der Busfahrer Paterson verk\u00f6rpert den Gleichlauf des Lebens in einer US-amerikanischen Kleinstadt, den Alltag, den Williams auf liebevolle und repektvolle Weise in seinen Gedichten beschreibt.<br \/>\nIn seiner visuelle Anlage wirkt der Film zeitlos: \u00fcber Fernseher, Computer und Mobiltelefone wird gesprochen, sie sind allerdings kaum zu sehen. Auf visueller Ebene ist vieles alt: die H\u00e4user, die Fabriken, die Innenstadt, der Bus, den Paterson f\u00e4hrt, seine altmodische Uniform. Oder besser: es wirkt nicht alt, sondern zeitlos. Wie aus der Zeit gefallen. Diese visuelle Unbestimmtheit unterst\u00fctzt eine allegorische Lesart des Films. Die Figuren werden zu Idealtypen des US-amerikanischen Normalb\u00fcrgers als kulturtragende Menschen. In dieser idealen Welt reicht das Einkommen f\u00fcr einen bescheidenen Wohlstand aus, die Herkunft der Menschen spielt keine Rolle, Kunst und Kultur sind Teil des Alltags und das Ger\u00fcst einer gemeinsamen Realit\u00e4t.<br \/>\nSeit seinem vorletzten Film The Limits Of Control scheint Jim Jarmusch sich die Frage zu stellen, was leistet Kultur? Oder anders, seit The Limits&#8230; sind seine Filme Versionen einer Antwort auf diese Frage. In The Limits Of Control ist es eine Verschw\u00f6rung von kulturliebenden Menschen, die der Diktatur eines US-amerikanischen \u00dcberwachungsstaates die Stirn bietet. Auch in jenem Film sind die Charakt\u00e4re Idealtypen, in einer sich spiralartig vorw\u00e4rtsbewegenden Erz\u00e4hlung treten Liebhaber verschiedener K\u00fcnste auf: Malerei, Musik, psychedelische Drogen und nat\u00fcrlich: Film. Die K\u00fcnste sind die Wurzel, aus der die Liebhaber das Unrecht erkennen und die Motivation gewinnen, den Kampf dagegen organisieren. Das \u00c4sthetische schl\u00e4gt in diesem Killer-M\u00e4rchen ins Politische um, sobald die Politik sich von der Kultur abwendet. Ein zugegebenerma\u00dfen gewagtes Bild, das verst\u00e4ndlicher wird, wenn man es als Reaktion auf die Regierungspraxis von George W. Bush erkennt. Welcher andere US-amerikanische K\u00fcnstler ist w\u00e4hrende dessen Amtszeit soweit gegangen, die Ermordung eines US-amerikanischen Geheimdienstfunktion\u00e4rs als w\u00fcnschenswert und positiv darzustellen?<br \/>\nIn seinem letzten Film schl\u00e4gt er bescheidenere T\u00f6ne an: In Only Lovers left Alive ist es die Kultur, die drei jahrhundertealte Vampire davor bewahrt, an den Schw\u00e4chen und Fehlern der Menschen zu verzweifeln. Jetzt, in Paterson, kehrt Jim Jarmusch zum allegorischen Erz\u00e4hlen zur\u00fcck: diesmal jedoch ist es die Kultur, die den Alltag und den Umgang der Menschen miteinander liebenswert macht und Gemeinschaft stiftet. Man mag das als ein &#8222;M\u00e4rchenland der Boh\u00e9me&#8220; kritisieren, wie es <a href=\"http:\/\/www.smh.com.au\/entertainment\/movies\/paterson-20161213-gta2iw.html\" target=\"_blank\">Jake Wilson in seiner sehr lesenswerten Besprechung<\/a> tut, dabei ist es eine St\u00e4rke des Mediums Film, alternative Welten plastisch mitvollziehbar zu machen. Hier ist es eben keine Fantasy oder Science Fiction in fremden Welten, sondern eine andere Art, den Alltag in der westlichen Welt zu leben.<br \/>\nWas ich an Jim Jarmusch absolut beeindruckend finde, ist, wie beil\u00e4ufig er bestimmte Werte und Positionen in seine Filme eintr\u00e4gt. Er sch\u00e4tzt die Form, er arbeitet manchmal beinahe abstrakt, aber immer tr\u00e4gt die Form die Inhalte, nie ist sie Selbstzweck. Die leicht erschlie\u00dfbaren Inhalte leiden darunter wom\u00f6glich: manches wirkt p\u00e4dagogisch, beinahe platt, einige Dialoge \u00e4hneln Lexika-Eintr\u00e4gen. Anderes ist pr\u00e4sent, weil es eben nicht thematisiert wird. In den Auslassungen und als selbstverst\u00e4ndlich inszenierten Setzungen steckt momentan die die gr\u00f6\u00dfte Erz\u00e4hlkunst von Jarmusch.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Vielleicht sollte man so beginnen, \u00fcber Paterson zu sprechen: Jim Jarmusch zeigt einen ganz normalen US-amerikanischen Arbeitsalltag in einer ganz normalen Kleinstadt namens Paterson. 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