{"id":364,"date":"2017-08-11T17:26:06","date_gmt":"2017-08-11T15:26:06","guid":{"rendered":"http:\/\/www.schwetter.de\/blog\/?p=364"},"modified":"2017-12-04T15:15:11","modified_gmt":"2017-12-04T14:15:11","slug":"eine-bibliothekarin-gibt-bescheid","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.schwetter.de\/blog\/?p=364","title":{"rendered":"Ein(e) Bibliothekar(in) gibt Bescheid"},"content":{"rendered":"<p>Vor kurzem habe ich Sheila Whiteleys &#8222;klassische&#8220; Musikanalyse von Rock der sp\u00e4ten 1960er und fr\u00fchen 1970er Jahre antiquarisch gekauft. Sie versucht zu zeigen, dass und wie die psychedeliche Wirkung der Musik einerseits sozio-kulturell vermittelt, andererseits aber auch in ihrer musikalischen Struktur angelegt ist. Zumindest vermute ich das, denn ich habe bisher nur in einem Bibliotheksexemplar ein wenig quer gelesen und will jetzt mal genauer nachsehen.<\/p>\n<p>Das gelieferte Buch erwies sich ebenso als Bibliotheksexemplar, und zwar aus der Buffalo and Erie County Library im Staat New York, USA. Was mich \u00fcberraschte, die Person, die das Buch aussoritert hat, hat im hinteren Buchdeckel eine handschriftliche Notiz hinterlassen (siehe Foto): &#8222;has never circulated in its 12 years here. Sucks the life right out of the Beatles, Hendrix, Pink Floyd &#8230;&#8220;<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.schwetter.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2017\/08\/Whiteley-Space.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.schwetter.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2017\/08\/Whiteley-Space-191x300.jpg\" alt=\"Whiteley-Space\" width=\"191\" height=\"300\" class=\"alignleft size-medium wp-image-363\" srcset=\"https:\/\/www.schwetter.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2017\/08\/Whiteley-Space-191x300.jpg 191w, https:\/\/www.schwetter.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2017\/08\/Whiteley-Space-768x1207.jpg 768w, https:\/\/www.schwetter.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2017\/08\/Whiteley-Space-652x1024.jpg 652w, https:\/\/www.schwetter.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2017\/08\/Whiteley-Space.jpg 1526w\" sizes=\"auto, (max-width: 191px) 100vw, 191px\" \/><\/a><\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Zumindest eine(r) scheint es gelesen zu haben und bescheinigt der Analyse, die Musik zu t\u00f6ten. Wie ist diese anti-analytische Haltung zu erkl\u00e4ren? Die Anklage legt den Verdacht nahe, dass der Autor eine emotionale Verbindung zu der Musik besitzt. Dann hat sein Verriss m\u00f6glicherweise etwas mit dem favorisierten Musik-Erleben der zeitgen\u00f6ssischen H\u00f6rer zu tun. Rolf-Dieter Brinkmann gibt in seinem Aufsatz <em>Der Film in Worten<\/em> von 1969 einige Hinweise darauf, wie die Musikwahrnehmung zu jener Zeit funktioniert:<\/p>\n<p>\u201eLosgel\u00f6st von vorgegebenen Sinnmustern wendet sich die Imagination dem N\u00e4chstliegenden, Greifbaren zu und entschl\u00fcpft durch ein Loch in der Zeit: Break on through to the other side, The Doors, 2 Minuten, 25 Sekunden, 27.1.69.\u201c<\/p>\n<p>Das N\u00e4chstliegende, das ist hier die musikalisierte Zeit, der n\u00e4chste Takt, der kommende akustische Reiz. Das Greifbare ist dessen Materialit\u00e4t: der Sound. Dadurch entsteht ein >Zeitloch<, dessen Ausdehnung genau spezifizierbar ist: durch die L\u00e4nge des Songs und den Moment des Erklingens. Die Quellenangabe, die Brinkmann hier vornimmt, wird als ein Zeitstempel gesetzt. Das Loch in der Zeit ist genau lokalisierbar, es ist deckungsgleich mit Zeitpunkt und Dauer des Musik-Erlebens.\n \nBrinkmann hat hier eine \u00e4sthetische Erfahrung auf paradoxe Weise literarisch ausgedr\u00fcckt: das Entkommen gelingt durch die Hinwendung zum Naheliegenden, gemeint ist damit die Fokussierung der Aufmerksamkeit auf die erklingende Musik, ein Hineinfallen in den Klang und gerade kein analytisches H\u00f6ren. Brinkmann h\u00f6rt nicht die Form, die Harmoniefolgen oder auf die Textinhalte, von diesen \u201evorgegebenen Sinnmustern\u201c will er sich l\u00f6sen. Was genau die Metapher des Zeitlochs ausdr\u00fccken soll, wird nicht geschildert. Am ehesten l\u00e4sst sich sagen, dass die musik\u00e4sthetische Erfahrung eine andere, au\u00dferallt\u00e4gliche und auf den Moment bezogene Zeitwahrnehmung motiviert, in der der unmittelbare Eindruck der \u00e4sthetischen Gestalt (hier im Medium des Klangs) die rationale, einordnende Wahrnehmung verdr\u00e4ngt. Hier geht es nicht nur um einen Aufbruch, sondern um einen Durchbruch zu ganz neuen \u00e4sthetischen Erfahrungen mit den Mitteln des Allt\u00e4glichen, z.B. mit einer Single von <em>The Doors<\/em> auf dem Plattenteller am K\u00fcchentisch sitzend. Es geht um die Verzauberung durch den Klangeindruck und den Verdacht, und der Autor der Bibliotheksnotiz hat den Verdacht, dieser werde beim analytischen H\u00f6ren get\u00f6tet.<\/p>\n<p>Dabei handelt es sich nur um unterschiedliche H\u00f6rmodi, zwischen denen man durchaus hin und her wechseln kann. Diesen Unterschied als konflikthaft wahrzunehmen, hat auch damit zu tun, dass das analytische H\u00f6ren lange Zeit als kulturell h\u00f6herwertig galt (siehe Theodor W. Adornos ber\u00fchmt-ber\u00fcchtigte H\u00f6rertypologie), weil es auf ein rationales Verstehen hin ausgerichtet ist. Heute wissen wir, dass jede Art des H\u00f6rens kulturell gepr\u00e4gt ist und die f\u00fcr eine bestimmte Musikkultur passende H\u00f6rweise immer erst antrainiert werden muss. Daraus folgt f\u00fcr die Musikanalyse, dass die Wissenschaftler*innen die H\u00f6rweise herausfinden und ber\u00fccksichtigen m\u00fcssen, f\u00fcr die ein bestimmtes Musikst\u00fcck geschrieben oder aufgenommen wurde \u2013 und ihre eigene als ebenfalls subjektiv begreifen und nachvollziehbar machen m\u00fcssen. Ich bin jedenfalls gespannt, wie Sheily Whiteley in den sp\u00e4ten 1980er Jahren vorgegangen ist.<\/p>\n<p>Literatur:<br \/>\nRolf Dieter Brinkmann: Der Film in Worten, in: Rolf Dieter Brinkmann, Ralf-Rainer Rygulla und J\u00f6rg Schr\u00f6der (Hrsg.), ACID. Neue amerikanische Szene, Augsburg 2003, 381.<br \/>\nSheila Whiteley, The space between the notes: rock and the counter-culture, London 1992.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Vor kurzem habe ich Sheila Whiteleys &#8222;klassische&#8220; Musikanalyse von Rock der sp\u00e4ten 1960er und fr\u00fchen 1970er Jahre antiquarisch gekauft. 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