{"id":412,"date":"2018-01-19T17:11:43","date_gmt":"2018-01-19T16:11:43","guid":{"rendered":"http:\/\/www.schwetter.de\/blog\/?p=412"},"modified":"2018-01-19T17:14:13","modified_gmt":"2018-01-19T16:14:13","slug":"412","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.schwetter.de\/blog\/?p=412","title":{"rendered":"Zwei Wessis im Jugendclub, Leinefelde 1987"},"content":{"rendered":"<p>Ich bin Jahrgang 1969 und habe 1988 in Niedersachsen Abitur gemacht. 1987 hat meine damalige Freundin Heike K. Im Rahmen einer St\u00e4dtepartnerschaft von Georgsmarienh\u00fctte (unser Heimatort) und Leinefelde (Th\u00fcringen) eine Reise in die DDR gemacht. Dort lernte sie Karola kennen, ein gleichaltriges M\u00e4dchen kennen, mit dem sie sich gut verstand. Sie tauschten Adressen aus und blieben in Briefkontakt. Karola lud Heike ein, sie zuhause zu besuchen. Die Reise wurde von den Beh\u00f6rden genehmigt und im Herbst 1987 war es soweit: Heike und ich fuhren mit dem klapprigen, alten VW Polo ihrer Mutter Richtung DDR-Grenze.<br \/>\n<!--more--><br \/>\nEigentlich war mein Plan, mit einem alten Mercedes 200 D aus den 1960er Jahren r\u00fcberzufahren, den mir ein etwas \u00e4lterer Schulfreund leihen wollte. Er hatte den Wagen f\u00fcr 500,- DM auf dem Schrottplatz gekauft. Damals war die nationale Volkswirtschaft der BRD ziemlich abgeschottet, alte Autos wurden nicht exportiert, und so konnten wir Obersch\u00fcler sie f\u00fcr einen Betrag kaufen, der mit ein paar Nebenjobs leicht zu erwirtschaften war. Dieser alte Mercedes, schwarz, mit roter Lederausstattung, wei\u00dfem Lenkrad und Lenkradschaltung, ging leider kurz vor unserer Reise kaputt. So blieb uns nur der alte, klapprige Polo von Heikes Mutter.<\/p>\n<p>Leinefelde liegt nicht weit hinter der damaligen DDR-Grenze in Th\u00fcringen. Wir fuhren \u00fcber einen kleinen Grenz\u00fcbergang hinter Duderstadt, und der DDR-Grenzbeamte schnauzte mich gleich beim anhalten an, ich solle daf\u00fcr sorgen, dass mein Motor hier nicht soviel Dreck mache. V\u00f6llig aufgeregt machte ich den Motor aus und \u00f6ffnete die Motorhaube. Nichts auff\u00e4lliges war zu sehen. Auch der Grenzbeamte konnte nichts entdecken. Nach der Passkontrolle wies er mich an, weiterzufahren. Am liebsten w\u00e4re ich sofort nach der Grenzkontrolle wieder angehalten, aber es gab ja die 5 Kilometer Sperrzone, in der man absolut nicht halten durfte. Im ersten Dorf nach der Sperrzone hielt ich schlie\u00dflch bei einer kleinen Tankstelle und \u00f6ffnete die Motorhaube erneut, diesmal bei laufendem Motor. Mir stockte der Atem. Kurz vor dem Vergaser war die Benzinleitung undicht und das Benzin sprudelte \u00fcber den hei\u00dfen Motorblock. Heike stoppte den Motor. Was tun? Der Tankwart, der uns aus seinem kleinen H\u00e4uschen zusah, kam sofort heraus, fragte, was los sei und sah sich das Problem an. Wir brauchten einen neuen Benzinschlauch, mindestens ein kleines St\u00fcck. Den n\u00e4chsten Autofahrern, die mit ihren Trabbis zum tanken hielten, wurde vom Tankwart die Diagnose mitgeteilt und sie fuhren los, um ein St\u00fcck Benzinschlauch aufzutreiben. Vielleicht durchw\u00fchlten sie eigene Vorr\u00e4te und Horte oder fragten weitere Bekannte, ich wei\u00df es nicht. Nach und nach kamen sie zur\u00fcck, und nach einer halben Stunde war klar: niemand hatte einen Benzinschlauch auftreiben k\u00f6nnen. Unser Helfer dachte kurz nach und seufzte. Dann \u00f6ffnete er die Seitenklappe einer Tanks\u00e4ule und schnitt ein St\u00fcck vom \u00dcberlaufschlauch der Zapfs\u00e4ule ab. Damit ersetzten wir das defekte St\u00fcck Benzinschlauch. Es funktionierte, wir konnten wieder fahren. Ich war sehr ger\u00fchrt von dieser spontanen, kollektiven und unb\u00fcrokratischen Hilfsaktion und wusste nicht, wie ich mich bedanken sollte. Ich bot unserem Helfer 20,- DM an, als Dankesch\u00f6n. Davon wollte er zun\u00e4chst nichts wissen, erst nach einigem Bitten und \u00fcberreden nahm er das Geld an.<\/p>\n<p>Heilfroh, das die Panne so schnell behoben war, machten wir uns auf den Weg zu unserer Gastfamilie. Diese wohnte in einer typischen Plattenbausiedlung. Wir wurden offen und freundlich aufgenommen. An zwei Abenden diskutierten wir ausf\u00fchrlich \u00fcber Ost- und Westdeutschland. Ich war sehr erstaunt \u00fcber das Bild, das unsere Gastgeber von der BRD hatten. Sie glaubten, dort ginge es allen gut, alle h\u00e4tten Arbeit und lebten in gro\u00dfen Einfamilienh\u00e4usern. Im Prinzip so, wie in der damals ber\u00fchmten Werbung f\u00fcr Jacobs-Kaffee: eine gut situierte Gro\u00dffamilie sitzt im Sonnenschein auf der Terasse, alle sind gl\u00fccklich, sie lachen und die Sonne taucht alles in helle, freundliche Fabren, w\u00e4hrend die Ehefrau Kaffee einschenkt. Da wurde mir klar, welch ein Abbild des Lebens das Westfernsehen bot. Was f\u00fcr ein Bild sich ergibt, wenn man nur die mediale Repr\u00e4sentation eines Landes in Fernsehen und Radio zur Verf\u00fcgung hat. Sicher, wir kritischen Geister im Westen nahmen auch die kritischen Sendungen wahr, aber die sind wahrlich in der Minderzahl, damals wie heute. Traumschiff, Schwarzwaldklinik, Dallas und so weiter: das Fernsehen zeigte und zeigt vor allem das Leben der Mittelschicht und der dar\u00fcber. Die Anderen kommen darin kaum vor. Dieses Wochenende brachte mir also eine Lektion in Medienkunde und lange Versuche, mein Gegen\u00fcber zu \u00fcberzeugen: Bei uns gibt es Arbeitslose und Arme und gro\u00dfe soziale Unterschiede. Das ist wahr, garantiert. Unsere Gastgeber zeigten v\u00f6lliges Unverst\u00e4ndnis und glaubten uns nicht.<\/p>\n<p>Am Samstagabend gingen wir mit Heikes neuer Freundin zur Diskothek in den \u00f6rtlichen Jugendclub. Es war rappelvoll. Zwei DJs legten mit zwei Kassettenrekordern fast ausschlie\u00dflich Lieder aus dem Westen auf, die sie, so vermutete ich, wohl aus dem Radio aufgenommen hatten. Die Besucher waren gut gelaunt und tanzten viel. Heike erinnert sich noch gut an das Lied <em>Am Fenster<\/em> von <a href=\"http:\/\/city-internet.de\/\" rel=\"noopener\" target=\"_blank\">City<\/a>, das dort gespielt wurde. Sie sagte, getanzt wurde wenig und bei dem Lied \u00fcberhaupt nicht. In meiner Erinnerung erreichte die Stimmung einen H\u00f6hepunkt, als die DJs den Song <em>Mercedes Benz<\/em> von <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Janis_Joplin\" rel=\"noopener\" target=\"_blank\">Janis Joplin<\/a> spielten. Alle sangen die Refrainzeile aus vollem Hals mit: \u201eO Lord won\u00b4t you buy me a Mercedes Benz\u201c. Der konsumkritische Unterton, den Janis Joplin in dem Song angelegt hat, indem sie im Stil eines klagenden Blues von nicht erf\u00fcllten Konsumw\u00fcnschen singt, wurde in diesem Moment nicht als ironisch wahrgenommen, hier wurde der Blues zum Ausdruck eines wirklichen Leidens. Die Leute hier meinten es genauso so: sie wollten den Mercedes Benz voller Verzweiflung, denn er blieb unerreichbar hinter einer Systemgrenze verborgen. Wof\u00fcr sie sangen, war die Forderung nach der Teilhabe an den verhei\u00dfungsvollen Fr\u00fcchten des Westens, und damit letztlich f\u00fcr einen Systemwechsel. Der Song wurde hier zu einer feucht-fr\u00f6hlich-frechen Forderung nach Reformen.<\/p>\n<p>Sp\u00e4testens in diesem Moment begriff ich, was ich in den vorigen Gespr\u00e4chen bereits geahnt hatte und wurde dankbar daf\u00fcr, dass wir nicht im Mercedes 200 D meines Kumpels dort vorgefahren sind. W\u00e4ren wir als Obersch\u00fcler in einem solchen Wagen angekommen, das verzerrte Bild des verhei\u00dfungsvollen Westens w\u00e4re f\u00fcr alle, die uns gesehen h\u00e4tten, noch viel mehr zu einem geworden, in dem alle Fr\u00fcchte golden sind.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ich bin Jahrgang 1969 und habe 1988 in Niedersachsen Abitur gemacht. 1987 hat meine damalige Freundin Heike K. Im Rahmen einer St\u00e4dtepartnerschaft von Georgsmarienh\u00fctte (unser Heimatort) und Leinefelde (Th\u00fcringen) eine Reise in die DDR gemacht. 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