{"id":529,"date":"2019-07-25T11:00:38","date_gmt":"2019-07-25T10:00:38","guid":{"rendered":"http:\/\/www.schwetter.de\/blog\/?p=529"},"modified":"2021-02-12T17:51:26","modified_gmt":"2021-02-12T16:51:26","slug":"bits-pieces-radiocast-folge-1-gender-in-rock-und-popsongs-musik-und-gender-teil-1","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.schwetter.de\/blog\/?p=529","title":{"rendered":"Bits + Pieces Radiocast Folge 1: Gender in Rock- und Popsongs"},"content":{"rendered":"\n<figure><iframe loading=\"lazy\" src=\"https:\/\/www.mixcloud.com\/widget\/iframe\/?hide_cover=1&amp;feed=%2Fwettermann%2Fbits-pieces-radiocast-folge-1-gender-in-rock-und-popsongs%2F\" width=\"100%\" height=\"120\"><\/iframe><\/figure>\n\n\n\n<p>Bits + Pieces ist mein neuer Radiocast zu Popmusik und Gesellschaft. Irgendwo zwischen Popmusikforschung, Musikwissenschaft und Kritik. In der heutigen Episode geht es um Gender in Rock- und Popssongs und um Musiker*innen auf ihrem langen Weg in die Rockmusik. Sie schreiben dar\u00fcber in Autobiographien und Fan-Literatur, und man h\u00f6rt es in der Musik. Um das deutlich zu machen, mache ich in dieser Episode ein formales Experiment: Die Lieder werden zu Paaren zusammengestellt und hintereinander gespielt, um Gemeinsamkeiten und Unterschiede zwischen ihnen besonders gut h\u00f6rbar zu machen.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Liste der gespielten Lieder:<\/h2>\n\n\n\n<ol class=\"wp-block-list\"><li>Jace Everett \u2013 Bad Things<\/li><li>Honeyhoney \u2013 Thin Line<\/li><li>James Brown \u201eIt\u00b4s a man\u00b4s man\u00b4s man\u00b4s world\u201c<\/li><li>Joan Jett and the Blackhearts \u201eI love Rock\u00b4n Roll\u201c<\/li><li>Nicole \u2013 Ein bi\u00dfchen Frieden<\/li><li>Gunter Gabriel \u2013  Hey Bo\u00df, ich brauch mehr Geld<\/li><li>Patti Smith \u2013 Birdland<\/li><li>Viv Albertine \u2013 Confessions of a Milf<\/li><li>Alien Sex Fiend \u2013 I walk the Line<\/li><li>Diamanda Galas \u2013 Double Barrel Prayer<\/li><li>Yoko Ono \u2013 Mindweaver<\/li><li>Hole \u2013 Violet<\/li><li>Lisa Germano \u2013 Happiness<\/li><li>Gudrun Gut \u2013 Musik<\/li><\/ol>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Manuskript der Sendung<\/h2>\n\n\n\n<p>Hallo und herzlich Willkommen! Ihr h\u00f6rt die erste Folge des radiocasts bits and pieces, ein radiocast zu Popmusik und Gesellschaft. Mein Name ist Holger Schwetter und wir weren heute mal ein Schlaglicht auf das Thema Gender in Pop- und Rockmusik werfen. Das ist ein Thema, mit dem kann man b\u00e4ndeweise B\u00fccher f\u00fcllen, ich werde heute mal einen lockeren Einstieg wagen, indem ich einige Dinge pr\u00e4sentiere, die mir in der letzten Zeit aufgefallen sind. Dabei wird es insbesondere um den Weg von Frauen in die Rockmusik gehen.<\/p>\n\n\n\n<p>Nun ist nicht alle Musik offensichtlich gegendert, in vielen Songs geht es nicht explizit um Rollenmodelle, aber steckt vielleicht auch etwas im Klang, im Sound der Pop- und Rockmusik?<\/p>\n\n\n\n<p>Ich werde zum Einstieg zwei ziemlich aktuelle Songs hintereinander weg spielen, die das Thema ausgehen bearbeiten. Sprich, abends um die H\u00e4user und durch die Kneipen ziehen und vielleicht auch jemanden kennenlernen, den Mann oder Frau attraktiv findet. Dazu habe ich zwei Songs ausgesucht, die das Thema aus der Perspektive eines Mannes und einer Frau behandeln. Das kann ich gleich vorwegschicken: es wird in dieser Folge nur um heterosexuelle Rollenmodelle f\u00fcr M\u00e4nner und Frauen gehen. Das soll niemanden ausschlie\u00dfen. Diese vorherrschenden Modellen bieten gen\u00fcgend Stoff, um ins Thema einzusteigen.<\/p>\n\n\n\n<p>Die zwei Lieder, die ich ausgesucht habe, kommen aus den USA, aus dem Genrebereich Alternative Country. Der erste ist von Jace Everett aus Nashville aus dem Jahr 2006. Er heisst Bad Things und wurde als Titelsong f\u00fcr die Vampirserie True Blood ausgew\u00e4hlt. Anschlie\u00dfend h\u00f6ren wir von dem Duo honeyhoney aus Los Angeles von Song Thin Line. Er stammt von dem Album Billy Jack aus dem Jahr 2011.<\/p>\n\n\n\n<p>1) Jace Everett &#8211; Bad Things (2006)<\/p>\n\n\n\n<p>Der Song ist das Titelst\u00fcck der Vampir-Fernsehserie True Blood.<\/p>\n\n\n\n<p>2) honeyhoney \u2013 Thin Line (2011, von dem Album Billy Jack)<\/p>\n\n\n\n<p>Im ersten Song steckt ja eine richtig kitschige Repr\u00e4sentation von M\u00e4nnlichkeit. Die Stimme ist ganz nah, sie fl\u00fcstert der imaginierten H\u00f6rerin ins Ohr \u201eI wanna do bad things with you\u201c. Der Sound der Aufnahmen ist voll und rund, die Band marschiert zielsicher nach vorne. Hier gibt es keine Selbstzweifel. Dieser Mann wei\u00df, was er tun will, und der Sound verr\u00e4t uns: er wird es tun. Er wird die Frau, die er erp\u00e4ht hat, ansprechen.<\/p>\n\n\n\n<p>Ganz anders kommt Thin Line daher. Hier ist eine Frau nachts unterwegs und sie singt<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eI want Whisky when I\u00b4m sick \/ and a man when I\u00b4m well<\/p>\n\n\n\n<p>but it\u00b4s nice to have them both some time \/ when I feel like raising hell\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Aber der Sound ist d\u00fcnner, prek\u00e4rer, und sie versichert einem imagin\u00e4ren, vermutlich m\u00e4nnlichen Gegen\u00fcber:<\/p>\n\n\n\n<p>so don\u00b4t try to save me \/ I\u00b4m getting used to walking on a thin line\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>F\u00fcr diese Frau ist es ein Risiko, auzugehen, und nicht nur das, ihr ganzes Leben steht auf der Kippe. \u201eIt\u00b4s getting hard these days to play your cards right.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Zitat aus Rock Frauen von Brigitte Rohkohl (*1946), 1979<\/p>\n\n\n\n<p>Sie schreibt \u00fcber ihre eigene musikalischen Erfahrungen in ihrer Jugend Ende der 1960er Jahre:<\/p>\n\n\n\n<p>Zitat S. 9 Abs. 1 \u2013 4<\/p>\n\n\n\n<p>F\u00fcr Brigitte Rohkohl ist es eine gro\u00dfe Leistung, eine Grenz\u00fcberschreitung, alleine tanzen zu gehen. Sie befreit sich ein St\u00fcck durch tanzen zur Musik von James Brown. Paradoxerweise singt dieser \u00fcber die \u201emen\u00b4s world\u201c, in der Frauen eben nichts zu sagen haben. Auf Paradoxien wie diese m\u00fcssen wir uns beim Thema Gender und Popmusik einstellen. Die Befreiung wird hier \u00fcber den Groove und den Sound erm\u00f6glicht und nicht \u00fcber den Text.<\/p>\n\n\n\n<p>Brigitte Rohkohl schreibt weiter, dass gerade die gesellschaftlichen Konventionen, die M\u00e4dchen sollt en ruhig und brav sein und zuhause bleiben, Rockmusik so m\u00e4nnlich machen.<\/p>\n\n\n\n<p>Zitat S.17 Abs. 5<\/p>\n\n\n\n<p>3) James Brown \u201eIt\u00b4s a man\u00b4s man\u00b4s man\u00b4s world\u201c (1966) geschrieben von Betty Jean Newsome und James Brown<\/p>\n\n\n\n<p>4) Joan Jett and the Blackhearts \u201eI love Rock\u00b4n Roll\u201c (1981) vom gleichnamingen Debut Album. Joan Jett, *1958, Gitarristin, Soongschreiberin und S\u00e4ngerin. 12 Jahre j\u00fcnger als Brigitte Rohkohl<\/p>\n\n\n\n<p>Sie singt davon, als Frau einen s\u00fc\u00dfen Teenagerjungen aufzurei\u00dfen. Im Vergleich zu den bereits gespielten Songs wird deutlich, wie revolution\u00e4r ein solcher Song ist.<\/p>\n\n\n\n<p>Kaja Silverman schreibt 1988 in Bezug auf Frauenrollen Hollywood-Kino:<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eWoman&#8217;s words are shown to be even less her own than are her \u201clooks.\u201d They are scripted for her, extracted from her by an external agency, or uttered by her in a trancelike state\u2026 Even when she speaks without apparent coercion, she is always spoken from the place of the sexual other.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Diese Praxis, dass Worte, die aus den M\u00fcndern von Frauen kommen, oft von M\u00e4nnern geschrieben wurden und ihren Blick auf die Frau repr\u00e4sentieren, l\u00e4sst sich auch in Musikindustrie \u00fcbertragen. Viele S\u00e4ngerinnen singen Texte, die von M\u00e4nnern geschrieben wurden, zu einer Musik, die von M\u00e4nnern produziert wurde.<\/p>\n\n\n\n<p>Exemplarisch daf\u00fcr kann die Gewinnerin des Eurovision Song Contest 1982, Nicole mit ein bi\u00dfchen Frieden. Der Text stammt von Bernd Meinunger, Norbert Daum und Ralph Siegel, die Musik von Ralph Siegel. Ralph Siegel war in den 1970er und 1980er Jahren ein sehr erfolgreicher bundesdeutscher Musikproduzent, er produzierte unter anderem die Disco-schlagergruppe Dchinghis Khan. Das Produzenten sich Musikprojekte ausdenken, und daf\u00fcr Musiker*innen suchen und die Lieder schreiben, ist ein seit Jahrzehnten in der Musikindustrie bew\u00e4hrtes Verfahren. Dabei werden nicht nur Frauenstereotype reproduziert, alles m\u00f6gliche wird imaginiert und nachgespielt. Im Fall von Dschinghis Khan ist es ein Abziehbild der Exotik, herhalten mussten in diesem Fall die Mongolen. Aber als Musikproduzenten sind vor allem M\u00e4nner t\u00e4tig. Daher ist das fremdbestimmte Frauenbild in derartigen Produkten leider ein allt\u00e4gliches Ph\u00e4nomen.<\/p>\n\n\n\n<p>H\u00f6ren wir nun<\/p>\n\n\n\n<p>5) Nicole \u2013 Ein bi\u00dfchen Frieden (1982)<\/p>\n\n\n\n<p>Nicole war zum Zeitpunkt der Ver\u00f6ffentlichung 17.<\/p>\n\n\n\n<p>Und womit kann man das kontrastieren? Wenn wir schon beim deutschen Schlager sind, vielleicht mit einem M\u00e4nnerbild aus dieser Zeit, wieder geschrieben von einem Mann, aber diesmal vom S\u00e4nger h\u00f6chstpers\u00f6nlich. Als Mann kann er das, denn als Mann steht er f\u00fcr das Bild vom einfachen Arbeiter, der die Dinge selbst in die Hand nimmt. Gunter Gabriel mit \u201eHey Bo\u00df, ich brauch mehr Geld\u201c.<\/p>\n\n\n\n<p>6) Gunter Gabriel \u2013 Hey Bo\u00df, ich brauch mehr Geld (1974)<\/p>\n\n\n\n<p>Bruno Wolf, der Charakter in diesem Song, ist selbstbewusst. Er arbeitet hart und leistet einen gro\u00dfen Beitrag f\u00fcr seine Firma, und das wei\u00df er auch. Er ist mutig, denn er sagt auch den M\u00e4chtigen seine Meinung und fordert, ganz ohne R\u00fcckhalt von Kollegen und Kolleginnen eine Gehaltserh\u00f6hung.<\/p>\n\n\n\n<p>Bruno Wolf, das klingt nach B\u00e4r und Wolf, nach einem Einzelk\u00e4mpfer, bei dem man sich als Frau anlehnen kann, und der selbstverst\u00e4ndlich das Haupteinkommen f\u00fcr seine Familie nach Hause bringt, wo eine undankbare Frau, die wegen Krankheit ihren Teilzeitjob aufgeben musste, auf ihn wartet.<\/p>\n\n\n\n<p>Trotzdem ist Bruno bescheiden und wei\u00df, wo sein Platz in der Gesellschaft ist. Er f\u00e4hrt mit dem Fahrrad zur Arbeit, lebt vermutlich in einer kleinen Mietwohnung und macht erst dann den Mund auf, wenn sein proletarischer Lebensstil gef\u00e4hrdet ist. Ansonsten macht er seine Probleme mit sich selbst bei einem Bier aus. Nie w\u00fcrde ihm in den Sinn kommen, die Verh\u00e4ltnisse grundlegend in Frage zu stellen.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Instrumentierung und der Klang des Liedes ist an US-amerikanische Countrymusik angelehnt: Schlagzeug, Bass, Akustikgitarre und E-Gitarre. Sie halten einen Rhythmus, der alle Viertelschl\u00e4ge gleichm\u00e4\u00dfig betont. D<strong>iese Musik schreitet entschlossen voran.<\/strong>Hinzu tritt ein Frauenchor, der Bruno\u00b4s Geschichte und seine Forderungen unterst\u00fctzt.<\/p>\n\n\n\n<p>Bruno repr\u00e4sentiert einen konservativen Arbeiter als Einzelk\u00e4mpfer, der vermutlich CDU w\u00e4hlt, denn sich zusammenschlie\u00dfen und gemeinsam f\u00fcr Klasseninteressen k\u00e4mpfen, ist seine Sache nicht.<\/p>\n\n\n\n<p>Bruno wei\u00df, wo sein Platz ist, und Nicole? Sie ist nur ein M\u00e4dchen, das sagt, was es f\u00fchlt. Sie identifiziert sich mit Blumen und Puppen, dazu spielen Gei gen und Harfen in einem sanften Klangbild ohne Ecken und Kanten. Obwohl Nicole beim singen auf der Fernsehb\u00fchne Gitarre spielt, h\u00f6ren wir diese ihre eigene Aktivit\u00e4t kaum. Das passt zum Text, denn dort stellt sie sich als passiv dar: Sie hat Angst vor der Dunkelheit und ist hilflos<strong>, <\/strong>und sie identifiziert sich mit Blumen und Puppen. Sie ist bescheiden, dann sie will von all dem, wor\u00fcber sie singt, nur \u201eein bi\u00dfchen\u201c. Und f\u00fcr dieses bi\u00dfchen k\u00e4mpft sie nicht, denn das geh\u00f6rt sich nicht f\u00fcr ein M\u00e4dchen: sie w\u00fcnscht es sich blo\u00df, und zwar lediglich in einem \u201ekleinen Lied\u201c. Hier werden alle klassischen Tugenden des b\u00fcrgerlichen M\u00e4dchens pr\u00e4sentiert: Bescheidenheit, H\u00f6flichkeit, Passivit\u00e4t, H\u00e4uslichkeit. Ihr eigenes Tun bleibt sch\u00f6n im Hintergrund. Statt der Gitarre, die sie in der Hand h\u00e4lt, bilden Akkorde vom Klavier, des klassischen Instruments f\u00fcr die Tochter, die Harmonien des Songs ab. Von hier bis auf die B\u00fchnen der Rockmusik ist es wirklich ein weiter Weg.<\/p>\n\n\n\n<p>Von diesem Weg schreibt auf sehr eindringliche Weise Viv Albertine, Gitarristin der englischen Frauenpunkband The Slits, zu deutsch, die Schlitze, anschlie\u00dfend Hausfrau und Mutter und seit einigen Jahren wieder als Musikerin und zudem als Schriftstellerin t\u00e4tig. Sie schreibt nicht nur von dem langen Weg, den es brauchte, bis sie \u00fcberhaupt auf die Idee kam, dass sie als M\u00e4dchen auch E-Gitarre spielen k\u00f6nnte. Heute singt sie sie davon, wie es ist, Hausfrau und Mutter zu sein. Eine Rolle, die sonst so gut wie unh\u00f6rbar ist.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir h\u00f6ren nun Viv Albertine mit Confessions of a a milf von ihrem 2012er Album The Vermillion Border.<\/p>\n\n\n\n<p>7) Viv Albertine \u2013 Confessions of a Milf (2012)<\/p>\n\n\n\n<p>Vorher Anschlie\u00dfend spiele ich, weil sie f\u00fcr viele Frauen und Musikerinnen so wichtig ist, ein St\u00fcck von Patti Smith aus ihrem Debutalbum Horses von 1975. Viv Albertine beschreibt das H\u00f6ren dieser Schallplatte als das Erlebnis, das sie dazu bringt, Musikerin zu werden: Endlich eine S\u00e4ngerin, die nicht das Stereotyp des sanften M\u00e4dchens bedient, die sich \u00fcber das Format des Popsongs hinwegsetzt, endlose Gedankenstr\u00f6me in m\u00e4andernden Liedern manifestiert und die auch richtig laut wird.<\/p>\n\n\n\n<p>8) Patti Smith \u2013 Birdland<\/p>\n\n\n\n<p>Viv Albertine\u00b4s Bekenntnisse einer Mutter und Hausfrau beginnt mit einer Aufreihung und Regeln und Warnungen f\u00fcr ihre Rolle: was zu beachten und was zu vermeiden ist, z.B. aus einem romantischen Anfall heraus mit einem anderen Mann abzuhauen. Die Stimme der S\u00e4ngerin wird beinahe von der Musik geschluckt, es ist ein Gesang kurz vor dem Untergang. Hier wird Live zu Wife, das Leben auf die Mutterrolle reduziert. Eine Erz\u00e4hlung von Entfremdung und \u00fcberm\u00e4chtigen Erwartungen. Schlie\u00dflich bekennt die Erz\u00e4hlerin: Ich hasse mein perfektes Zuhause.<\/p>\n\n\n\n<p>Birdland wirkt nicht wie ein Song, es gibt keine Strophe Refrain Struktur. Zwar werden auch mal Worte oder Zeilen wiederholt oder anders herausgestellt, aber irgendwie wandert die Musik von einem Zustand in einen N\u00e4chsten. Patti Smiths Stimme schwebt \u00fcber der Musik, und die Musiker folgen aufmerksam ihrer Volten schlagenden Expressivit\u00e4t. Patti Smith sagt, Musik und Text seien frei improvisiert und inspiriert von der Autobiographie von Peter Reich, Sohn von Wilhelm Reich. Patti Smith nutzt seine Geschichte, um ihr eigenes Verh\u00e4ltnis zur Gesellschaft zu bearbeiten: I am not human. In einem Interview schildert sie, dass sie sich als Kind wie eine Au\u00dferirdische f\u00fchlte, weil sie ganz anders war als die Menschen in ihrer Umgebung.<\/p>\n\n\n\n<p>In den sp\u00e4ten 1970er und 80er Jahre, besonders nach Punk, \u00e4ndert sich viel in der Musikwelt. Pl\u00f6tzlich gibt es selbstbewusste Musikerinnen, die gar nicht mehr nett und h\u00f6flich klingen: Nina Hagen, Lene Lovich, Siouxie Sioux, Danielle Dax, Diamanda Galas, um nur einige zu nennen. Und sie erscheinen nicht mehr nur S\u00e4ngerinnen, sondern auch als Instrumentalistinnen.<\/p>\n\n\n\n<p>Als Beispiele habe ich zun\u00e4chst Alien Sex Fiend mitgebracht, ein 1982 in London gegr\u00fcndetes Duo bestehend aus dem Ehepaar Mr. Und Mrs. Fiend. Sie treten mit weiteren, wechselnden Musiker*innen auf. Die Musik ist d\u00fcster, ein Mix aus New Wave und Industrial. Mr. Fiend singt und Mrs. Fiend baut die Musik mit Synthesizern und Drumcomputer. Was mir besonders auff\u00e4llt, ist, dass auch ihre Songs etwas improvisiertes haben. Es gibt einen Text und einen groben Ablauf, aber die Abl\u00e4ufe sind nicht immer vorhersehbar, Spuren werden von Mrs. Fiend an- und ausgeschaltet, die Aufnahmen wirken manchmal wie sehr dynamische Sessions. Wir h\u00f6ren den Song I walk the Line von 1986. Wie bei Thin Line geht es hier um ein Leben auf der Kippe, aber der m\u00e4nnliche Protagonist schlittert unaufhaltsam der Katastrophe entgegen.<\/p>\n\n\n\n<p>Sp\u00e4testens seit Punk ist es f\u00fcr M\u00e4nner legitim, in Popmusik vom eigenen Scheitern, von Zweifeln und Selbstzweifeln zu erz\u00e4hlen. Einzelne S\u00e4nger wie Johnny Cash und Tom Waits haben das auch vorher schon sehr erfolgreich getan. K\u00fcndet die legitime M\u00f6glichkeit, auch von Schw\u00e4che zu erz\u00e4hlen, von einem neuen Rollenverst\u00e4ndnis f\u00fcr M\u00e4nner? Zun\u00e4chst einmal ist das Scheitern ja nur die Schattenseite der Erz\u00e4hlung vom Mann als Macher. Das der Scheinwerfer nun darauf gerichtet wird, welchen Druck und welche Verletzungen das anrichten kann, kann Ver\u00e4nderungen m\u00f6glicherweise vorbereiten. Nik Fiend jedenfalls singt von einem dropout, der keinerlei Ambitionen versp\u00fcrt, zu funktionieren, der sich f\u00fcr verdorben h\u00e4lt, und der der Maxime \u201elive fast, die young\u201c folgt.<\/p>\n\n\n\n<p>Aus Kalifornien stammt die griechisch-amerikanische S\u00e4ngerin, Pianistin und Performancek\u00fcnstlerin Diamanda Galas. Ab Mitte der 1980er Jahre besch\u00e4ftigt sie sich mit der AIDS-Epidemie, von der viele Menschen in ihrem Umfeld betroffen sind. Unter anderem produziert sie dazu eine Trilogie von drei Schallplatten. Aus der letzten h\u00f6ren den Song Double Barrel Prayer. In beiden Songs von Alien Sex Fiend und Diamanda Galas kann man h\u00f6ren, dass eine \u00c4sthetik der Negativit\u00e4t in den 80ern neue klangliche und inhaltliche R\u00e4ume er\u00f6ffnet hat.<\/p>\n\n\n\n<p>9) Alien Sex Fiend \u2013 I walk the Line (1986)<\/p>\n\n\n\n<p>10) Diamanda Galas \u2013 Double Barrel Prayer<\/p>\n\n\n\n<p>Diamanda Galas bearbeitet auf hier Gospel und Gebete. Double Barrel Prayer, das doppell\u00e4ufige Gebet verbindet zwei gegenl\u00e4ufige Texte: einen \u00fcber Hundewesen, die kommen, um bestimmte Menschen zu jagen, und einen Zweiten, das Gloria aus der Messe, in dem Gott um Hilfe gebeten wird. Am Ende folgert die S\u00e4ngerin: Man muss Gott helfen, indem man selbst die Waffe in die Hand nimmt und abdr\u00fcckt. In diesem Lied ist alles Wut und Anklage.<\/p>\n\n\n\n<p>Eine ehemalige Punkerin, die ich vor zwei Jahren f\u00fcr ein Forschungsprojekt interviewt habe, erz\u00e4hlte mir, dass auch in der Bremer Punkszene Frauen oft als \u201edie Freundin von&#8230;\u201c wahrgenommen wurden. \u201edie Freundin von&#8230;\u201c, wir hatten das vorhin schonmal bei dem Song It\u00b4s a Man\u00b4s World. Dieses Etikett wird immer wieder Musikerinnen angeheftet. Von Zweien, die das schon lange ertragen m\u00fcssen, h\u00f6ren wir jetzt Musik. Die eine ist Yoko Ono, die andere Courtney Love. Und weil ich es tun kann, drehe ich die Erz\u00e4hlperspektive mal um und erz\u00e4hle etwas von ihren Freunden. Yoko Ono\u00b4s Song Mindweaver handelt von einem Mann, der nur als Stimme pr\u00e4sent ist, und er stammt von dem Album, dass sie nach dem Tod ihres Freundes aufgenommen hat. In den Liner Notes der Schallplatte schreibt sie, dass er trotzdem bei den Aufnahmen f\u00fcr die Schallplatte pr\u00e4sent war und sogar mitgewirkt habe. Courtney Love\u00b4s Freund hat sich genau zur Ver\u00f6ffentlichung der zweiten LP ihrer Band Hole das Leben genommen. Es gibt Stimmen, die sagen, genau deshalb sei das Album viel zu wenig in der Musikpresse behandelt worden, andere sagen, nur deswegen sei das Album \u00fcberhaupt erfolgreich geworden. Von diesem Album namens Live Through This h\u00f6ren wir anschie\u00dfend das St\u00fcck Beide Musikerinnen sind wegen ihrer Freunde umstritten und eines kann man definitiv sagen: In den vor allem von M\u00e4nnern gef\u00fchrten Expertendiskussionen zu Popmusik \u201eDie Freundin von\u201c zu sein, hat von ihrem kreativen Schaffen stark abgelenkt. Deshalb keine weiteren Worte dazu, sondern ihre Musik.<\/p>\n\n\n\n<p>11) Yoko Ono \u2013 Mindweaver (1981)<\/p>\n\n\n\n<p>12) Hole \u2013 Violet (1994)<\/p>\n\n\n\n<p>Irgendwie hat sich zum Ende der Sendung immer mehr das Thema Tod in die Sendung geschlichen. Vielleicht liegt es nur daran, dass ich d\u00fcstere Musik auch von Musikerinnen mag. Vielleicht war es f\u00fcr manche Musikerin aber auch ein Befreiungsschlag, nicht nur \u00f6ffentlich aggressiv zu sein, wie Brigitte Rohkohl meint, sondern auch traurig oder einfach nur schlecht gelaunt. Aber so wollen wir diesen ersten bits and pieces radiocast nicht beenden. Oder doch? Zum Abschluss gibt es noch ein Doppel mit Indie-Musikerinnen aus den USA und aus Deutschland, genauer gesagt aus Berlin. Den Anfang macht Lisa Germano mit einem St\u00fcck von ihrer Lp Happiness aus dem Jahr 1994. Die habe ich erst neulich beim st\u00f6bern im Second Hand Schallplattenladen Fundament in Osnabr\u00fcck entdeckt. Happinees. Geht doch, k\u00f6nnte man meinen, endlich sch\u00f6ne Musik. Leider ist der Titel wohl ironisch gemeint. Schon das Cover ist desorientierend. Schriftzeilen in verschiedenen Ausrichtungen, wo hier oben und unten ist, ist nicht zu sagen. Wir h\u00f6ren das Titelst\u00fcck Happiness. Den Abschluss des heutigen Bits and Pieces radiocast macht dann Gudrun Gut mit einem St\u00fcck namens Musik von ihrem aktuellen Album \u201eMoment\u201c. Gudrun Gut ist seit den 1980er Jahren als Musikerin aktiv, zuerst mit der Band Malaria und mittlerweile ein Fels in der Berliner Musikszene, als Musikerin, DJ und Inhaberin der Plattenfirma Monika Enterprise. Ihr Song Musik zeigt mit viel Humor, worum es ihrer Meinung nach beim Thema Musik gehen kann.<\/p>\n\n\n\n<p>Dies war heute ein erstes Schlaglicht auf das Thema Gender und Musik. Nat\u00fcrlich habe ich jede Menge Aspekte ausgelassen, auslassen m\u00fcssen. Es gibt viel mehr dazu zu sagen und zu h\u00f6ren. Auf irgendeine Art steckt Gender in aller Musik drin, die wir machen und h\u00f6ren. Ich hoffe, dass ich daf\u00fcr ein wenig sensibilisieren konnte. Wer mein ein Feedback geben m\u00f6chte, tue das per Email an bitsandpieces at rekord minus musik d e oder \u00fcber die \u00fcblichen social media Kan\u00e4le. Am Sicherstne erreicht ihr mich aber \u00fcber Email.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Bits + Pieces ist mein neuer Radiocast zu Popmusik und Gesellschaft. Irgendwo zwischen Popmusikforschung, Musikwissenschaft und Kritik. In der heutigen Episode geht es um Gender in Rock- und Popssongs und um Musiker*innen auf ihrem langen Weg in die Rockmusik. 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