{"id":617,"date":"2021-02-12T17:45:09","date_gmt":"2021-02-12T16:45:09","guid":{"rendered":"http:\/\/www.schwetter.de\/blog\/?p=617"},"modified":"2021-11-10T12:03:35","modified_gmt":"2021-11-10T11:03:35","slug":"bits-pieces-folge-02-wild-women-dont-get-the-blues-eine-spekulative-annaeherung-an-eine-schallplattensammlung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.schwetter.de\/blog\/?p=617","title":{"rendered":"Bits + Pieces Folge 02: &#8222;Wild Women Don\u00b4t Get The Blues&#8220; Eine spekulative Ann\u00e4herung an eine Schallplattensammlung"},"content":{"rendered":"\n<p>11.02.2021, <a href=\"https:\/\/radioartland.org\/\">Radio Artland<\/a>, Manuskript der Radiocast Sendung<\/p>\n\n\n\n<p>Hallo, mein Name ist Holger Schwetter und ihr h\u00f6rt die zweite Folge meines Radiocasts Bits and Pieces hier auf Radio Artland am 11. Februar 2021.<\/p>\n\n\n\n<p><iframe loading=\"lazy\" src=\"https:\/\/www.mixcloud.com\/widget\/iframe\/?hide_cover=1&amp;light=1&amp;feed=%2FRadioArtLand%2Fradioartland-live-20210211-1804%2F\" width=\"100%\" height=\"120\" frameborder=\"0\"><\/iframe><\/p>\n\n\n\n<p>Heute m\u00f6chte ich etwas aus meiner laufenden Forschung erz\u00e4hlen und viel Musik spielen, die damit zusammenh\u00e4ngt. <\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Ich bin Musikwissenschaftler und mein Schwerpunkt ist die Soziologie und die Geschichte der popul\u00e4ren Musik. Popul\u00e4re Musik, das ist ein analytischer Begriff, der Versuch, all das zu beschreiben, worum es auch hier auf Radio Artland geht, ohne sich in Aufz\u00e4hlungen von Genres zu verheddern. Popularmusik ist ein anderer Begriff, der das Gleiche versucht. Gemeint ist , grob gesagt, all die Musik, die \u00fcber Massenmedien verbreitet und \u00fcber Produkte am Musikmarkt angeboten wird. Die sich also verkaufen muss, die \u00fcber Popularit\u00e4t erfolgreich wird \u2013 und die nicht Klassik ist. Spitzfindige Denkerinnen* k\u00f6nnten nun anmerken, Moment, aber auch klassische Musik wird doch heute als Produkt auf Medienm\u00e4rkten angeboten. Also, warum ist sie dann nicht auch popul\u00e4re Musik. Das wollen wir hier und heute nicht diskutieren, auch wenn an dem Gedanken etwas dran ist.<\/p>\n\n\n\n<p>Heute geht es um Pop und Wissenschaft? Warum Wissenschaft? In Bezug auf popul\u00e4re Musik sind wir doch alle Experten. Aber nur wenigen gelingt es, daf\u00fcr bezahlt zu werden. Mir ist das bisher zumindest teilweise gelungen. Die Wissenschaft bem\u00fcht sich um Analyse und um Erkenntnisse, die \u00fcber das Subjektive hinausreichen und objektiv nachvollziehbar sind. Das finde ich interessant, da arbeite ich gerne mit. Sie hat mich mit einem soliden Set an Methoden ausgestattet, wozu auch geh\u00f6rt, zu bemerken, wenn es f\u00fcr die Beantwortung einer Frage noch keine Methoden gibt. Dazu sp\u00e4ter mehr.<\/p>\n\n\n\n<p>Heute will ich euch etwas \u00fcber eine Plattensammlung erz\u00e4hlen, mit der ich mich seit einiger Zeit besch\u00e4ftige. Und an dem Beispiel dieser Sammlung herauskriegen, was einem so eine Sammlung \u00fcberhaupt erz\u00e4hlen kann und welche Fragen sich ausgehend von so einer Sammlung stellen lassen. Die Sammlung selbst, also das konkrete Material der Schallplatten soll dabei als Ausgangspunkt dienen, um F\u00e4den in alle m\u00f6glichen Richtungen zu verfolgen, die sich dabei entdecken lassen. Das Vorgehen hat etwas detektivisches, und wir werden viel \u00fcber offene Fragen, Vermutungen und Hypothesen erfahren, die sich unterwegs ergeben. Und ich werde in dieser Sendung auch bewusst etwas spielerisch und spekulativ vorgehen, besonders was die Auswahl der St\u00fccke betrifft, die wir h\u00f6ren werden. Die ganze Sendung wirft ein Schlaglicht, ich stecke mitten in der Arbeit und viele F\u00e4den sind noch nicht bis zu ihrem Ende verfolgt. Manche werden es vielleicht auch nie.<\/p>\n\n\n\n<p>Nach dieser langen Vorrede ist es h\u00f6chste Zeit f\u00fcr Musik. Alles was wir h\u00f6ren, ist aus der Sammlung. Als erstes St\u00fcck habe ich ausgew\u00e4hlt:<\/p>\n\n\n\n<p>&#8212;&#8211;<\/p>\n\n\n\n<p>1) Ohio Players &#8211; Fire (1974) Einfach ein sch\u00f6nes Funk St\u00fcck.<\/p>\n\n\n\n<p>&#8212;&#8211;<\/p>\n\n\n\n<p>Um wen oder was geht jetzt aber? Es geht um die popul\u00e4re Musik in der Vinyl Schallplattensammlung einer Musikerin. Einer US-amerikanischen Oboisten, die vor allem Barockmusik und andere alte Musik gespielt hat. Gesammelt hat sie eben diese Musik, in der Sammlung sind das ca. 800 Schallplatten, aber sie hat auch popul\u00e4re Musik gesammelt, so um die 350 Schallplatten. Die Klassikplatten habe ich an das staatliche Institut f\u00fcr Musikforschung vermittelt, das ist direkt neben der Philharmonie. Die haben eine gro\u00dfe phonografische Sammlung und sind \u00fcber die Schenkung sehr gl\u00fccklich. Mit dem Teil der popul\u00e4ren Musik besch\u00e4ftige ich mich.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Sammlung habe ich \u00fcber den Erben bekommen und jetzt, wo ich \u00f6ffentlich dar\u00fcber sprechen will, merke ich, ich z\u00f6gere, hier Namen zu nennen. Im wissenschaftlichen Kontext, auf zwei Kolloquien, hatte ich da bisher keine Bedenken. Aber hier so, im Internet? Die Sammlerin ist keine weithin bekannte \u00f6ffentliche Pers\u00f6nlichkeit, verletzt so eine Nennung nicht ihre Privatsph\u00e4re? Andererseits, ich erz\u00e4hle nur Privates, was mir von ihrem Umfeld in Interviews erz\u00e4hlt wurde, \u00fcber grundlegende Zusammenh\u00e4nge ihrer Biografie. Und alles steht im Zusammenhang mit der Sammlung. Andererseits, was gewinnen wir durch die Namensnennung? Nun, die Sammlerin spielt auf zwei der Schallplatten in der Sammlung mit. Und das ist ein zentraler Knotenpunkt von Sammlung und Biografie. Er l\u00e4sst sich ohne Namensnennung nicht erz\u00e4hlen. Zudem tritt die Sammlerin an diesem Punkt selbst in die \u00d6ffentlichkeit. Das ist also ein gutes Argument f\u00fcr eine Namensnennung.<\/p>\n\n\n\n<p>Wenn ich ihren Namen nun nenne, heisst das auf der anderen Seite, dass ich das Biografische auf das \u00f6ffentliche und ihr Agieren in \u00d6ffentlichkeiten beschr\u00e4nke. Es mag wie Erbsenz\u00e4hlerei klingen, aber forschungsethisch ist der Schutz der Pers\u00f6nlichkeit ein hohes Gut.<\/p>\n\n\n\n<p>Unter diesen Bedingungen denke ich, im Verlauf kann ich ihre Identit\u00e4t da benennen, wo es n\u00f6tig und sinnvoll ist. Wie ihr wisst, handelt es sich um die Schallplatten einer Sammlerin. Ihr zu Ehren spiele ich als n\u00e4chstes einen tollen Tanzsong, den ich in der Sammlung gefunden habe.<\/p>\n\n\n\n<p>Isley Brothers &#8211; That Lady aus dem Jahr 1973, in der Sammlung auf einer Isley Brothers Compilation LP namens &#8222;Forever Gold&#8220; aus dem Jahr 1977.<\/p>\n\n\n\n<p>&#8212;&#8211;<\/p>\n\n\n\n<p>2) Isley Brothers &#8211; That Lady<\/p>\n\n\n\n<p>&#8212;&#8211;<\/p>\n\n\n\n<p>2017 treffe ich auf einer Tagung einen Musiker, der zur Zeit am anderen Ende der Welt lehrt, und er fragt mich, ob ich ihm helfen kann, eine Schallplattensammlung in gute H\u00e4nde zu geben. Es sei eine Sammlung einer Oboisten, die in der kalifornischen Lesbenszene der 1970er Jahre engagiert war und deren Underground Musik gesammelt hat. Da wurde ich hellh\u00f6rig. Underground Musik aus Kalifornien aus den 1970er Jahren, aus der schwul-lesbischen oder wie man heute sagt LGBTQ+ oder aus queeren Szene? Spannend? Ich stellte mir ganz schr\u00e4ge Musik vor, avantgardistisch-extrovertiert und super obskur. Ich hatte also keine Ahnung, was mich erwarten w\u00fcrde. Als ich dann, zwei Jahre sp\u00e4ter in einem Keller in Berlin stehe, bin ich erst einmal entt\u00e4uscht: Ich sehe viel bekannte Musik der 60er bis 80er Jahre, dazu die Beatles, Bob Dylan, ein bi\u00dfchen Blues und Jazz. Insgesamt ein hoher Anteil an S\u00e4ngerinnen. Underground sehe ich nicht. Dennoch beschlie\u00dfe ich, mich mit der Sammlung zu befassen. Denn ich bin angefixt von der Gelegenheit, eine vollst\u00e4ndige Schallplattensammlung aus einer popmusikalisch spannenden Zeit anzusehen und herauszufinden, was sich aus solch einer Sammlung herauslesen l\u00e4sst. Schon in den Umzugskartons f\u00e4llt mir etwas merkw\u00fcrdiges auf: Die Platten wurden wohl von einem Umzugsunternehmen in Kisten gepackt (ein solcher Firmenname steht auf den Kartons). Aber die alte Ordnung im Regal ist teilweise noch erkennbar, in Bl\u00f6cken zu 10 bis ca 30 Platten (das entspricht der Menge Schallplatten, die man en Block fassen kann, wenn man sie aus einem Regal nimmt):<\/p>\n\n\n\n<p>Im Bereich Pop stehen Musiker und Musikerinnen nach Geschlecht getrennt, jeweils alphabetisch von Z bis A. Wenn man sie so ins Regal stellt, ergibt sich von den R\u00fccken her gesehen eine Ordnung A bis Z von links nach rechts. Das finde ich schon einmal bemerkenswert. Von einer nach Geschlechtern sortierten Sammlung habe ich noch nie geh\u00f6rt.<\/p>\n\n\n\n<p>Auch bei den Klassikplatten steht ein kleiner Block Komponistinnen separat.<\/p>\n\n\n\n<p>In weiteren erkennbaren Bl\u00f6cken befinden sich Jazzplatten und Bluesplatten, sowie ethnografische Schallplatten mit Aufnahmen aus verschiedenen Regionen der Welt. Die Schallplatten sind \u00fcberwiegend in einem sehr guten Zustand. Manche Schallplatten sind noch original in Folie verschwei\u00dft. Offenbar waren die Schallplatten der Sammlerin sehr wichtig, oder hat sie sie nie geh\u00f6rt? Letzteres macht keinen Sinn, warum kauft jemand hunderte Schallplatten und nimmt sie sogar mit nach Europa, wenn sie keine Bedeutung haben?<\/p>\n\n\n\n<p>Als n\u00e4chsten Schritt der Ann\u00e4herung habe ich ein Lied gew\u00e4hlt, das einige zentrale Aspekte der Sammlung ber\u00fchrt. Und rein spekulativ stelle ich mir vor, dass seine Energie auch etwas mit der Pers\u00f6nlichkeit der Sammlerin zu tun haben k\u00f6nnte. Der Song heisst &#8222;Wild Women don\u00b4t get the Blues&#8220; und stammt von der 1981 erschienene Live-LP Call it Jazz des nur aus Musikerinnen bestehenden Quintett Alive!<\/p>\n\n\n\n<p>&#8212;&#8211;<\/p>\n\n\n\n<p>3) Alive! &#8211; Wild Women don\u00b4t get the Blues<\/p>\n\n\n\n<p>&#8212;&#8211;<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Wild Women Don\u00b4t Get The Blues&#8220; &#8211; In diesem Lied macht sich die S\u00e4ngerin \u00fcber Frauen lustig, die zuhause sitzen, auf ihre M\u00e4nner warten und dabei ungl\u00fccklich werden. Der S\u00e4ngerin kann das nicht passieren. Sie zieht lieber selbst um die H\u00e4user, sie ist tough genug, um mit jedem Idioten klarzukommen.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Sammlerin wurde 1947 in Chicago, USA, geboren. Dort wuchs sie auf und ging als junge Erwachsene nach San Francisco. Sie bekam bereits als Kind Unterricht an der Oboe. \u00dcber ihre Ausbildung in San Francisco ist mir nichts bekannt. Ein Interviewpartner sagt: &#8222;Dort war sie in der LGBT Community aktiv. Ein Jahr hat sie mit dem Motorrad die &#8218;Dykes on Bikes&#8216; geleitet und damit den gro\u00dfen Umzug zur Gay Pride Parade angef\u00fchrt.\u201c 1989 zieht sie nach Berlin. Sie will in Europa ihre Ausbildung an der Oboe und in Bezug auf alte Musik vertiefen. Ab 1990 studiert sie Barockoboe in Hilversum. Umzug nach Amsterdam, wo sie bis zu ihrem Tod 2016 ihren Hauptwohnsitz hat.<\/p>\n\n\n\n<p>Im Internet gibt es kaum Informationen \u00fcber sie. Was ich erfahren habe, habe ich aus zwei Interviews mit dem Erben und einem Familienmitglied. Das f\u00fchrt mich zu meiner ersten These: Die Sammlerin war keine bekannte Musikerin. Aber sie war Musikerin und Musikliebhaberin.<\/p>\n\n\n\n<p>Und sie war, das war nach Aussage beider Interviews, in der feministischen und queeren Szene Kaliforniens aktiv. Der Kampf f\u00fcr die Rechte der LGBT Community war ihr ein zentrales Anliegen. Ihre eigene, gleichgeschlechtliche Orientierung hat sie offen gelebt.<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Wild Women Don\u00b4t Get The Blues&#8220; &#8211; der frenetische Jubel des Publikums in der Great American Music Hall, San Francisco, den wir gerade geh\u00f6rt haben, verweist auf eine lebendige Szene, die diese Musik gefeiert hat.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Album Call It Jazz ist er schienen auf Redwood Records. Redwood Records wurde gegr\u00fcndet von Holly Near, es ist die Erste von einer Musikerin gegr\u00fcndete Plattenfirma. Holly Near wiederum gilt als eine der zentralen Musikerpers\u00f6nlichkeiten der Women\u00b4s Music.<\/p>\n\n\n\n<p>Women\u00b4s Music ist ein feststehender Begriff f\u00fcr die Musik der feministischen Szene der USA in den 1970er und 1980er Jahren.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Musikerinnen der Women\u00b4s Music gr\u00fcndeten Bands, Plattenfirmen und Vertriebe. Diese ersten von Frauen gegr\u00fcndeten Unternehmen am US Musikmarkt wie das Label Olivia Records waren zum Teil als Kollektive organisiert. Die Produktion lag komplett in den H\u00e4nden von Frauen. Ein guter Teil der Musikerinnen war lesbisch. Es gibt anscheinend gro\u00dfe \u00dcberschneidungen zwischen feministischem Diskurs und lesbischer Szene in dieser Zeit.<\/p>\n\n\n\n<p>Alle Schl\u00fcsselwerke dieser Szene, ca. 30 Schallplatten, befinden sich in der Sammlung. Viele Alben sind eingeschwei\u00dft. Sie standen zusammen mit der Musik anderer S\u00e4ngerinnen und Musikerinnen im Regal. In der wissenschaftlichen Literatur heisst es, die Musikerinnen der Women\u00b4s Music h\u00e4tten nur f\u00fcr eine kleine, klar abgegrenzte Zielgruppe produziert. F\u00fcr die Sammlerin waren diese Schallplatten aber Teil eines gr\u00f6\u00dferen Zusammenhangs: popul\u00e4re Musik von Frauen. Sie hatte daf\u00fcr kein getrenntes Fach. Wie diese Zusammenh\u00e4nge genauer aussehen, damit werden wir uns sp\u00e4ter in der Sendung besch\u00e4ftigen.<\/p>\n\n\n\n<p>Zun\u00e4chst m\u00f6chte ich ein St\u00fcck der erfolgreichsten Ver\u00f6ffentlichung der Women\u00b4s Music spielen. Das Album &#8222;The Changer and the Changed&#8220; von Cris Williamson, ver\u00f6ffentlicht auf Olivia Records 1975. Das Album hat \u00fcber 100.000 Kopien verkauft und war damit die erfolgreichste unabh\u00e4ngige Produktion in den USA der 70er Jahre. Wir h\u00f6ren jetzt das erste St\u00fcck, Waterfall.<\/p>\n\n\n\n<p>&#8212;-<\/p>\n\n\n\n<p>4) Cris Williamson &#8211; Waterfall<\/p>\n\n\n\n<p>&#8212;-<\/p>\n\n\n\n<p>Der Song und das Album ist eher der Folk Musik zuzuordnen, auch die Cover Gestaltung verweist darauf: Die Musikerin steht im Blaumann in einer W\u00fcstenlandschaft, das Cover ist in erdigen Farben gehalten. Inhaltlich geht es um pers\u00f6nliches Wachstum, und das in einer so allgemeinen Form, dass der Song vielf\u00e4ltig anschlussf\u00e4hig ist. Das ist ja eines der grundlegenden Merkmale von Popsongs: inhaltlich so offen zu sein, dass viele, ganz verschiedene Menschen in unterschiedlichsten Situationen daran ankn\u00fcpfen k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n<p>Als n\u00e4chstes Beispiel der Women\u00b4s Music der 1970er Jahre spiele ich nun einen der seltener vorhandenen, expliziteren Texte.<\/p>\n\n\n\n<p>Teresa Trull &#8211; I\u00b4d like to make love with you von 1977. Ein offen lesbisches Liebeslied von dem Album mit dem programmatischen Titel &#8222;The Ways A Woman Can Be&#8220;, ebenfalls erschienen auf Olivia Records.<\/p>\n\n\n\n<p>&#8212;&#8211;<\/p>\n\n\n\n<p>5) Teresa Trull &#8211; I\u00b4d like to make love with you<\/p>\n\n\n\n<p>&#8212;&#8211;<\/p>\n\n\n\n<p>Eigentlich allen Alben sind Textsheets beigelegt. Auf dem in diesem Album ist ein Foto zu sehen mit der Bildunterschrift &#8222;The Olivia Records Collective&#8220;.<\/p>\n\n\n\n<p>Olivia Records ist als Kollektiv von Musikerinnen gegr\u00fcndet worden. Der Vertrieb lief vor allem \u00fcber Frauenbuchl\u00e4den als Teil der Infrastruktur der alternativen und feministischen Szene. Das Ziel von Olivia war selbstbestimmt zu produzieren an einem Markt, der ansonsten von M\u00e4nnern dominiert wurde.<\/p>\n\n\n\n<p>Zu Olivia geh\u00f6rten auch afro-amerikanische Musikerinnen wie Mary Watkins. Mary Watkins ist Komponistin, Pianistin, Arrangeurein und Produzentin und auch heute, mit 83 Jahren noch musikalisch aktiv.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir h\u00f6ren jetzt ein InstrumentalSt\u00fcck von ihrem 1978er Album &#8222;Something Moving&#8220;: Witches Revenge.<\/p>\n\n\n\n<p>&#8212;&#8211;<\/p>\n\n\n\n<p>6) Mary Watkins &#8211; Witches Revenge<\/p>\n\n\n\n<p>&#8212;-<\/p>\n\n\n\n<p>Das ist stilistisch Jazz-Rock. Allm\u00e4hlich bekommen wir einen Eindruck von der stilistischen Bandbreite der Women\u00b4s Music. Blues, Jazz, Folk, Soul \u2013 die Musikerin haben unterschiedlichste stilistische Vorlieben.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf zwei Produktionen aus den 1980er Jahren, die der Women\u00b4s Music zugeordnet werden k\u00f6nnen, spielt die Sammlerin bei jeweils einem St\u00fcck Oboe.<\/p>\n\n\n\n<p>Zum einen auf der LP Night Rainbow von Gayle Marie von 1982, die auf dem Label Gayleo Music in San Francisco herausgebracht und vertrieben wurde von GALAXIA Women Enterprises in Massachusetts. Shelley Mesirow spielt auf dem Song Rainbow At Night mit.<\/p>\n\n\n\n<p>Zum Zweiten auf der LP Finally Real von Silvia Kohan, 1984, Dancing Cat Records. Diese Platte befindet sich zweimal in Folie verschlossen und einmal ge\u00f6ffnet mit Werbeaufkleber auf dem Frontcover und der Pr\u00e4gung &#8222;Promotional Copy Not for Sale&#8220; auf dem Backcover. Handelt es sich bei allen Kopien um Belegexemplare? In der Online Datenbank f\u00fcr Schallplatten discogs findet sich nur diese eine Ver\u00f6ffentlichung von Silvia Kohan. Auf ihrem Youtube Kanal heisst es: &#8222;Silvia Kohan (1948-2003). Jewish-Argentinian-Lesbian blues singer popular on the West Coast of USA, particularly Venice, Ca. and San Francisco-Oakland, Ca. A life long performer. Active in [&#8230; the] lesbian-feminist music in the 1970&#8217;s-2000&#8217;s.&#8220; Shelley Mesirow spielt Oboe auf Taking my Baby up Town, die Strophen erz\u00e4hlen von Diskrimierungserfahrungen: Beschimpfungen im Park, wenn die S\u00e4ngerin mit ihrer Liebsten im Arm l\u00e4uft; starrende Menschen, wenn sie sich k\u00fcssen.<\/p>\n\n\n\n<p>&#8212;&#8211;<\/p>\n\n\n\n<p>7) Silvia Kohan &#8211; Taking my baby uptown<\/p>\n\n\n\n<p>&#8212;&#8211;<\/p>\n\n\n\n<p>Stilistisch Jazz-Pop (?) und ein Mainstream orientierter Sound.<\/p>\n\n\n\n<p>Barock Anleihen im Soloteil (Menuett, Fl\u00f6te und Oboe umspielen sich)<\/p>\n\n\n\n<p>Der Text ist offen gestaltet: es geht um Disriminierung, aber was hier diskriminiert wird, wird nicht explizit gesagt. Dadurch wird das Lied anschlussf\u00e4hig f\u00fcr verschiedenste Erfahrungen. Ein entschlossener Schlussakkord unterstreicht den starken Willen des lyrischen Ichs. Nur durch den Kontext l\u00e4sst sich schlie\u00dfen, welche Art von Diskriminierung gemeint ist.<\/p>\n\n\n\n<p>Mary Watkins hat beide Alben produziert. Am kommenden Samstag bin ich mit ihr verabredet. Sie hat sich bereit erkl\u00e4rt, mit mir \u00fcber die Musikerinnen Szene in San Franzisko der 70er und 80er Jahre zu sprechen. Denn das ist einer der Str\u00e4nge, die sich aus den Recherchen ergeben, die die Sammlung anst\u00f6\u00dft: Wie hingen Musikszene und Aktivismus zusammen? Ich bin schon ganz gespannt auf das Gespr\u00e4ch.<\/p>\n\n\n\n<p>Manche Album , z.B. auch &#8222;The Changer and The Changed&#8220; waren noch original verschwei\u00dft. Es ist m\u00f6glich, dass die Sammlerin manche Ver\u00f6ffentlichungen auf Vollst\u00e4ndigkeit hin gesammelt hat, weil es f\u00fcr eine bestimmte Szene wichtige Ver\u00f6ffentlichungen waren. Bei The Changer wird das besonders deutlich: es handelt sich um eine sp\u00e4tere, neu gemischte Auflage der Platte.<\/p>\n\n\n\n<p>These: Shelley Mesirow war Teil der Bay Area Szene und kauft manche Alben, weil sie dazu geh\u00f6ren, um die Sammlung zu vervollst\u00e4ndigen und nicht, weil sie besonderer Fan jeder Ver\u00f6ffentlichung ist. Und die zweite These: Sie spielt selten mit, weil Oboe im Pop nicht gebraucht wird und sie selbst sich k\u00fcnstlerisch auf die Alte Musik konzentriert.<\/p>\n\n\n\n<p>Zur Women\u00b4s Music ist mein Zwischenfazit:<\/p>\n\n\n\n<p>\u2022 Women\u2019s Music bringt eigenst\u00e4ndige Netzwerke und Institutionen am Musikmarkt hervor.<\/p>\n\n\n\n<p>\u2022 Es gibt auf den ersten Blick keine eigenst\u00e4ndige \u00c4sthetik, anhand derer die Produktionen sofort als Women\u2019s Music erkennbar w\u00e4ren.<\/p>\n\n\n\n<p>\u2022 Die \u00c4sthetik bevorzugt weiche Sounds und klassische Popstrukturen. Sie bezieht sich auf den Mainstream des US Pop mit typischen Stilmerkmalen aus Jazz, Blues, Pop, Funks, Soul, Folk.<\/p>\n\n\n\n<p>\u2022 These: Die \u00c4sthetik der Women\u2019s Music will sich nicht abgrenzen. Im Gegenteil, sie fordert Zugeh\u00f6rigkeit und Normalit\u00e4t ein. Sie will anschlussf\u00e4hig sein.<\/p>\n\n\n\n<p>Wie ist das heute? In der Innen Wahrnehmung der Szene spielt das lesbische Netzwerk von Musikerinnen eine wichtige Rolle. In den Darstellungen auf wikipedia f\u00e4llt zu diesem Thema kein Wort. Wird hier ein wichtiger Aspekt in der Kanonbildung der Geschichtsschreibung ausgeblendet? Auff\u00e4llig ist auch, dass es auf discogs selbst wenig bis keine Informationen zu den Musikerinnen gibt (siehe Alive!, Mary Watkins, &#8230;). Hingegen gibt es zu vielen Musikern Kurzdarstellungen. Wird hier ein Bias durch strukturelle M\u00e4nnerherrschaft sichtbar, da solche Datenbanken vor allem von wei\u00dfen, heterosexuellen M\u00e4nnern bef\u00fcllt werden? Lassen sie Informationen unter den Tisch fallen? Interessieren sie sich einfach nicht daf\u00fcr? Auch sind alle diese Schallplatten, obwohl viele in kleineren Auflagen erschienen, nicht viel wert. Auch das Schallplatten sammeln ist m\u00e4nnlich dominiert. Diese Schallplatten besitzen augenscheinlich keinen hohen Status unter Sammlern. Die Webseite Queer Music Heritage stellt solchen Auslassungen eine dezidierte Geschichtsschreibung von &#8222;LGBT music&#8220; gegen\u00fcber. Dort wird vieles ganz anders dargestellt, innerhalb der LGBT Szene haben viele der Musikerinnen und Songs einen ganz anderen Stellenwert, als die Darstellungen auf wikipedia vermuten lassen. Insofern kann man schon von einer Szene sprechen, die bis heute abgeschlossen und randst\u00e4ndig ist, obwohl sie musikalisch sehr anschlussf\u00e4hig ist. Wie diese Anschl\u00fcsse in den 1970er und 1980er Jahren funktioniert haben, dazu h\u00f6ren wir sp\u00e4ter mehr.<\/p>\n\n\n\n<p>Doch nun ist es erstmal Zeit f\u00fcr einen Wechsel der Perspektive. Welche anderen Sammlungsstrategien lassen sich in der Sammlung finden? Die biografische Perspektive ist viel breiter. Die Schallplatten wurden von den sp\u00e4ten 1950er bis in die fr\u00fchen 1990er Jahre ver\u00f6ffentlicht.<\/p>\n\n\n\n<p>Es sind kaum Singles in der Sammlung. Daf\u00fcr einige sp\u00e4ter ver\u00f6ffentlichte Best Of Alben von Musik der 1960er Jahre, z.B. von Frankie Valli and the Four Seasons. Die Schallplatten sehen aus wie nie gespielt. Kein Staub, keine Kratzer. Wurden Platten wie diese aus nostalgischen Gr\u00fcnden gekauft, aber nie wirklich geh\u00f6rt? Von dieser Platte h\u00f6ren wir nun den Song &#8222;Alone&#8220;.<\/p>\n\n\n\n<p>&#8212;&#8211;<\/p>\n\n\n\n<p>8) Frankie Valli and the Four Seasons &#8211; Alone<\/p>\n\n\n\n<p>&#8212;-<\/p>\n\n\n\n<p>Nach diesem etwas albernen, spekulativen Einstieg in die Jugend der Sammlerin schauen wir nun mal, was wir an Schallplatten aus dieser Zeit haben.<\/p>\n\n\n\n<p>Die fr\u00fchesten Schallplatten stammen aus den sp\u00e4ten 1950er Jahren. Von Jacques Brel befindet sich eine Sequenz von 5 Schallplatten in der Sammlung, die zwischen 1958 und 1964 ver\u00f6ffentlicht wurden. Sie tragen teilweise einen Namensstempel auf der R\u00fcckseite &#8222;Shelley M. Mesirow&#8220;. Ein Jugendschwarm? 1958 war sie 11 Jahre alt. Bei den Innenh\u00fcllen dieser Schallplatten sind immer drei Ecken ordentlich, wie absichtlich, eingeknickt. Diese Schallplatten sind in einem sehr guten Zustand, viel besser als viele der sp\u00e4ter gekauften Schallplatten. Sie sind an den Ecken \u00fcberhaupt nicht abgestossen. Standen sie viele Jahre im Regal, ohne benutzt zu werden? Das auch das Vinyl in gutem Zustand ist, deutet darauf hin, dass SM schon in jungem Alter sehr sorgsam mit ihren Schallplatten umgegangen ist. Oder wurden diese Schallplatten sp\u00e4ter gebraucht gekauft? F\u00fcr einen Neukauf spricht bei diesem und einigen anderen K\u00fcnstlern, dass Pressungen in den Sammlung sind, die in einigen aufeinander folgenden Jahren erschienen sind, danach gibt es nichts weiter von den K\u00fcnstler*innen.<\/p>\n\n\n\n<p>&#8212;&#8211;<\/p>\n\n\n\n<p>9) Jaqcues Brel &#8211; Les Bigotes<\/p>\n\n\n\n<p>&#8212;&#8211;<\/p>\n\n\n\n<p>Es gibt zwei K\u00fcnstler aus den 1960er Jahren, deren LPs l\u00fcckenlos jeweils in der ersten US Pressung in der Sammlung sind. Hier ist die Sammlerin, so l\u00e4sst sich vermuten, losgegangen, um die Schallplatten zu kaufen. Hier, so scheint es naheliegend, war sie Fan. Es handelt sich um die Beatles und um Bob Dylan. Auch auf einigen Beatles Platten gibt es den Namensstempel der Sammlerin, auf der fr\u00fchesten Beatles LP &#8222;Meet The Beatles&#8220; ist handschriftlich ist auf der R\u00fcckseite notiert, wer die Lieder singt. Was hiess es damals f\u00fcr M\u00e4dchen und junge Frauen, Beatles Fan zu sein? Wir alle kennen die zum Klischee gewordenen Horden kreischender M\u00e4dchen, die in der Mitte der 60er Jahre \u00fcberall dort auftauchten, wo die Beatles vor die \u00d6ffentlichkeit traten.<\/p>\n\n\n\n<p>Das erst vor kurzem erschienene Buch &#8222;Glitter Up The Dark&#8220; von Sasha Geffen enth\u00e4lt zu dieser Frage ein paar interessante Thesen. Sasha Geffen widmet sich in ihrem Buch der Frage, wie Popmusik seit den 1950er Jahren das bin\u00e4re Gender Verst\u00e4ndnis aufgebrochen und unterwandert hat. In ihrem Kapitel zu den Beatles schreibt sie, dass man die Band nur zusammen mit diesem Fan Ph\u00e4nomen verstehen kann. Die Beatles, das wissen wir, waren die erste Boygroup. Sie boten nicht nur vier verschiedene Jungs zum liebhaben, sondern diese Jungs zeigten ein anderes Bild von M\u00e4nnlichkeit. Die anderen m\u00e4nnlichen Stars dieser Zeit waren Solo-Interpreten, oft mit einer backing band. Sie waren alpha-Tiere. Die Beatles zeigen sich anders. Sie sind ein Team, gleich berechtigt, und \u00e4ffen alpha Spiele h\u00f6chstens ironisch nach. Ihre Frisuren \u00fcbertraten die Grenze des Hemdkragens. Sie waren m\u00e4nnlich, aber nicht bereit, sich der f\u00fcr M\u00e4nner geltenden Disziplin zu unterwerfen. Sie \u00f6ffneten ein neues Feld und auf diesem gaben sie den M\u00e4dchen eine neue Rolle. In den Texten der fr\u00fchen Beatles Songs spielen Frauen oft eine aktive Rolle, und die Beatles eine eher zur\u00fcckgenommene. &#8222;I want to hold your hand&#8220;, &#8222;I saw her standing there&#8220; &#8222;I wanna be your man&#8220; &#8222;Please please me&#8220;. Sie singen von ihrem Begehren eher in einer passiven Rolle, in der sonst die jungen Frauen gefangen sind. F\u00fcr sie ziemt es sich nicht, die M\u00e4nner, die sie begehren, anzusprechen. Die Zur\u00fcckhaltung der Beatles \u00f6ffnet ihnen den Raum f\u00fcr eine aktivere Rolle. Und sie geben den M\u00e4nnern die M\u00f6glichkeit, die starren Vorschriften des Mann seins au\u00dfer Kraft zu setzen, in dem sie nicht mehr zum Fris\u00f6r gehen.<\/p>\n\n\n\n<p>Sasha Geffen weist darauf hin, dass die Beatles viele Songs von Girl Groups gecovert haben. Auf dem ersten Album Please please me befinden sich alleine drei. Bei den Girl Groups der 60er Jahre verschmelzen die Stimmen, w\u00e4hrend sie oft aus einer passiven, sehns\u00fcchtigen Position \u00fcber den Angebeteten singen. Die Beatles \u00fcbernehmen den Gesangsstil und die passive Position. Das ist auch eine Art, den M\u00e4dchen, die ja die Originale kannten, zu sagen: wir sehen euch, wir verstehen euch. uns geht es genauso.<\/p>\n\n\n\n<p>Von dem zweiten Album &#8222;With The Beatles&#8220;, das in den USA einfach &#8222;The Beatles second album&#8220; hiess, h\u00f6ren wir jetzt &#8222;Please Mr. Postman&#8220;, eine Coverversion des Hits der Girl Group The Marvelettes.<\/p>\n\n\n\n<p>&#8212;&#8211;<\/p>\n\n\n\n<p>10) The Beatles &#8211; Mr. Postman<\/p>\n\n\n\n<p>&#8212;&#8211;<\/p>\n\n\n\n<p>Ich denke, es ist jetzt Zeit f\u00fcr ein Zwischenfazit. Die Sammlung hat uns bisher auf zwei verschiedene Pfade gef\u00fchrt. Zu dem heute kaum bekannten Genre der Women\u00b4s Music und zu der Frage, wie junge M\u00e4dchen in den 1960er Jahren die Beatles wahrgenommen haben. Die Sammlung kann also ein Ausgangspunkt f\u00fcr eine andere Version der Popmusikgeschichte werden. Ich vermute jetzt, jede Sammlung kann das. Manche f\u00fchrt uns in Ecken, in die wir sonst nie geschaut h\u00e4tten. Sie machen uns auf blinde Flecken in unserer eigenen Wahrnehmung aufmerksam. Als wei\u00dfer, heterosexueller Mann hatte ich mich bisher mit der im Kanon der Popmusik auf der Ebene der TV Dokus \u00fcblichen Darstellung zu den Fans der Beatles zufriedengestellt, \u00fcber die kreischenden Teenager sch\u00fcttelt man dort belustigt den Kopf. Jetzt wei\u00df ich, ja genau: mann sch\u00fcttelt den Kopf. Das ist n\u00e4mlich die Perspektive der M\u00e4nner, die \u00fcber dieses Ph\u00e4nomen berichtet und die auch die Popmusik Geschichte geschrieben haben. Die Sammlung von Shelley Mesirow macht mir deutlich: ich gibt noch so viele andere Arten, die Geschichte der Popmusik zu erz\u00e4hlen.<\/p>\n\n\n\n<p>Das wird auch durch die Leerstellen der Sammlung sichtbar: All das, was heute im Kanon der Rockmusik als wichtig und revolution\u00e4r galt, fehlt gr\u00f6\u00dftenteils in dieser Sammlung. Die Sammlerin lebte in San Francisco, einem Hot Spot der Hippie Bewegung. Aber die Doors sind nicht in Sammlung. Ebenso so wenig Jimi Hendrix, Janis Joplin, Pink Floyd, Led Zeppelin, die Beach Boys. Die progressive Rockmusik ist bis auf ein paar vereinzelte Aufnahmen nicht vertreten: eine Single von Jefferson Airplane, eine LP von den Rolling Stones. Warum ist das so?<\/p>\n\n\n\n<p>Ich kann nicht wissen, ob die Sammlerin zwischendurch auch Schallplatten verkauft hat. Sie zieht Ende der 1980er Jahre nach Europa. Genau in der Zeit, in der sie aufh\u00f6rt, Schallplatten zu kaufen und auf das neue Medium, die CD umsteigt. Viele Sammler*innen haben damals ihre Schallplatten verkauft und ihre Lieblingsmusik auf CD neu gekauft, wegen der besseren Klangqualit\u00e4t. Diese Sammlerin nicht. Sie packt ihre Schallplatten ein und schifft sie nach Europa. Das gibt uns einen Hinweis auf eine m\u00f6gliche intensive Verbindung nicht nur zu der Musik, sondern auch zu diesen Schallplatten als Artefakten. Als Gegenst\u00e4nde, in denen Erinnerungen stecken. Wenn wir auf das schauen, was an Musik heute f\u00fcr die sp\u00e4ten 1960er Jahre als besonders relevant gilt, k\u00f6nnen wir sagen, in der Sammlung, die sie \u00fcber den Atlantik nach Europa geschafft hat und dann kaum mehr erg\u00e4nzte, ist davon wenig vertreten.<\/p>\n\n\n\n<p>War die Sammlerin nicht an der Hippie Kultur interessiert? War diese Musik f\u00fcr sie nicht interessant? Ein Buch, dass ich bereits in der letzen Sendung erw\u00e4hnt habe, gibt uns einen Hinweis. Barbara Rotkohl schreibt in den sp\u00e4ten 1970er Jahren in ihrem Buch Rock-Frauen \u00fcber die Musik, die hier fehlt: Rockmusik geh\u00f6rte den Jungs. Es war nicht die Musik der M\u00e4dchen. Die waren h\u00f6chstens mit dabei, wenn ihre Freunde sich damit besch\u00e4ftigten. M\u00e4dchen h\u00f6rten die aktuelle Chartsmusik. Galt das auch f\u00fcr unsere Sammlerin? War das auch in ihrer Welt Musik f\u00fcr von M\u00e4nnern f\u00fcr M\u00e4nner?<\/p>\n\n\n\n<p>In welche Richtung ging unsere Sammlerin? Da gibt es einige Str\u00e4nge, die wir verfolgen k\u00f6nnen. Es gibt eine kleine Jazz Abteilung und darin zwei Schallplatten des Organisten Jimmy Smith. Eine davon ist eine Sammlung mit Titeln aus Film Soundtracks. Weil, wie man mir erz\u00e4hlte, die Sammlerin eine gr\u00fc\u00dfe Katzen Liebhaberin war, spiele ich nun das St\u00fcck &#8222;The Cat&#8220; aus dem Film &#8222;The Joy House&#8220;. Es ist glaube ich die einzige Platte in der Sammlung mit einem Katzenmotiv auf dem Cover. Schallplatten mit Katzenmotiven hat sie definitiv nicht gesammelt.<\/p>\n\n\n\n<p>&#8212;&#8211;<\/p>\n\n\n\n<p>11) Jimmy Smith &#8211; The Cat<\/p>\n\n\n\n<p>&#8212;&#8211;<\/p>\n\n\n\n<p>Wie ich vorhin bereits erw\u00e4hnte, standen die Schallplatten, die im Weitesten Sinne Pop sind, nach Geschlecht der Musiker*innen getrennt im Regal. Bemerkenswert ist auch das Zahlenverh\u00e4ltnis: 108 Schallplatten von Musikern stehen 92 Schallplatten von Musikerinnen gegen\u00fcber, wenn man die women\u00b4s music mitz\u00e4hlt., die ja zusammen mit den anderen Musikerinnen im Regal stand. Das Verh\u00e4ltnis ist also fast ausgelichen, und das ist indofern bemerkenswert, als dass viel mehr Musik von Musikern ver\u00f6ffentlicht wird. Wenn man sich nur mal als Beispiel die Billboard Top 30 der USA ansieht, also die 30 am meisten verkauften Hitsingles, dann sind dort 70 % Musiker und 30 % Musikerinnen vertreten. In meiner pers\u00f6nlichen Sammlung sieht es sicherlich \u00e4hnlich aus. Ohne das ich nachgez\u00e4hlt habe, w\u00fcrde ich sch\u00e4tzen, dass meine Sammlerstrategien zu einer starken Betonung von Musikern gef\u00fchrt haben. Vielleicht ist das Verh\u00e4ltnis sogar eher 80\/20 oder noch krasser. Dabei bin ich als wei\u00dfer Cis-Mann, sprich Hetero-Normalo in dem Wasser der Musikkulturen geschwommen, ohne mich um Genderthemen zu k\u00fcmmern. Mein sammeln f\u00fchlte sich nat\u00fcrlich an. Ich habe gekauft, was ich gut fand und \/ oder zum auflegen brauchen konnte. Es w\u00fcrde sich wirklich mal lohnen, das durchzuz\u00e4hlen, vielleicht spiegelt das die Marktanteile von Musikern und Musikerinnen in bestimmten Genres, wie sie sich an von M\u00e4nnern dominierten Musikm\u00e4rkten ergeben.<\/p>\n\n\n\n<p>Unsere Sammlerin hier hat anders gesammelt. Es war ich wichtig, Musik von Musikerinnen zu sammeln.<\/p>\n\n\n\n<p>Ein Schwerpunkt liegt auf Soul Jazz Pop S\u00e4ngerinnen mit ziemlich softer Musik. Zum Bsp. Aretha Franklin oder Angela Bofill. Mit sechs Alben bildet die britische Jazz-Pop S\u00e4ngerin Cleo Laine einen Schwerpunkt.<\/p>\n\n\n\n<p>Es geht auch in Richtung Funk. Rufus featuring Chaka Khan, Rags To Rufus (1974), es sind sehr bekannte S\u00e4ngerinnen vertreten wie Joan Armatrading mit sechs Alben von 1972 bis 1981 oder K.D. Lang mit 4 Alben. Andere wie Madonna, Joni Mitchell oder Cindy Lauper sind jeweils nur mit einem Album dabei.<\/p>\n\n\n\n<p>Dazu gibt es spannende Musik von nicht so bekannten Musikerinnen. Ellen McIlwaine, eine spannende amerikanische S\u00e4ngerin und Slide-Gitarristin, ist mit einem Album vertreten. Eine andere eher unbekannte S\u00e4ngerin ist die Australierin Margret Roadknight, die sehr kritische Lieder \u00fcber den Alltag in Australien singt (z.B. der Song Girls In Our Town). Auf ihrem Album <em>Living In The Land Of Oz<\/em> ist auch der Song Masculine Women, Feminine Men, einer der ersten auf LGBT bezogene Songs aus den 1920er Jahren.<\/p>\n\n\n\n<p>Und auch aus dem Folk ist etwas dabei, au\u00dferhalb der women\u00b4s music. Ein Album von Maria Muldaur (1974) mit ihrem gro\u00dfen Hit Midnight At The Oasis, und Odetta mit einem Folk-Album. Dazu die Roche Schwestern mit mehreren Alben. Sie machen ziemlich deutliche, gesellschaftskritische Lieder (z.B. zu Kindesmi\u00dfbrauch: Runs In The Family).<\/p>\n\n\n\n<p>Wir h\u00f6ren nun zwei Songs aus den 1970ern hintereinander, People Make The World Go Round von Angela Bofill und davor von Cleo Laine &#8211; Control Yourself, ein Lied \u00fcber mehr oder weniger gelingende Selbstdisziplinierung, aufgenommen live in der Carnegie Hall.<\/p>\n\n\n\n<p>&#8212;-<\/p>\n\n\n\n<p>12) Cleo Laine &#8211; Control Yourself<\/p>\n\n\n\n<p>13) Angela Bofill &#8211; People Make The World Go Round<\/p>\n\n\n\n<p>&#8212;-<\/p>\n\n\n\n<p>Neben recht speziellen Platten sind aber auch einzelne LPs von Musikerinnen dabei, die sie eventuell wegen der Hits gekauft hat, z.B. Break Out von den Pointer Sisters (1984) mit den Hits <em>Jump<\/em> und <em>I\u00b4m So Exited<\/em>. Oder von Sade &#8222;Diamond Life&#8220; mit dem Hit Smooth Operator. Der Song <em>Sisters are doing it for themselves<\/em> ist gleich zweimal vertreten, auf der einzigen LP von den Eurythmics in der Sammlung und auf einer LP von Aretha Franklin. Annie Lennox und Aretha Franklin haben den Song ja gemeinsam aufgenommen und dann beide neben der Single auch auf Alben ver\u00f6ffentlicht.<\/p>\n\n\n\n<p>&#8212;&#8211;<\/p>\n\n\n\n<p>14) The Eurythmics &#8211; Sisters Are Doing It For Themselves<\/p>\n\n\n\n<p>&#8212;&#8211;<\/p>\n\n\n\n<p>Sisters are doing it for themselves \u2013 manche Songs in der Sammlung verweisen durch ihre Texte auf die Emanzipation von Frauen. Auf einen weiteren Strang, der in Richtung Gender weist, bin ich beim lesen des bereits erw\u00e4hnten Buches &#8222;Glitter Up The Dark&#8220; von Sasha Geffen gestossen. Geffen schreibt, dass die lesbische Kultur im Lauf der 1970er und 1980er Jahre bis in den Pop Mainstream gewandert sei. Das klangliche Merkmal, an dem sie das festmacht, ist die &#8222;butch voice&#8220;. Butch ist ein US-amerikanisches Schimpfwort f\u00fcr Lesbe, in der direkten \u00dcbersetzung bedeutet es Mannweib, also eine Frau, die mit m\u00e4nnlichen Attributen wie einer tieferen Stimme ausgestattet ist. S\u00e4ngerinnen mit solchen Stimmen werden vor allem in den 80er Jahren immer pr\u00e4senter in der Popkultur. Als Beispiel nennt Geffen die kanadische S\u00e4ngerin K.D. Lang, die hier in der Sammlung mit vier LPs gut vertreten ist. Es finden sich aber auch viele weitere S\u00e4ngerinnen, die betont tief singen. Ich erw\u00e4hnte bereits Sade. Swing Out Sister ist ein weiteres Beispiel. In ihrem Album &#8222;It\u00b4s Better To Travel&#8220; von 1987 befindet sich ein handgeschriebener Zettel mit dem Text des ersten Songs, Break Out. Es ist der einzige handgeschrieben Songtext in der Sammlung. Auf fast allen Schallplatten der Women\u00b4s Music sind die Texte mit abgedruckt. Bei dieser LP nicht. Wir k\u00f6nnen nur vermuten, Dieser Text war der Sammlerin vielleicht besonders wichtig. &#8222;move on, don\u00b4t hesitate &#8211; break out!&#8220; heisst es dort. Hmm&#8230; das war auch die Zeit, in der sie nach Europa aufgebrochen ist.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir h\u00f6ren jetzt diesen Song und dann als weiteres Beispiel f\u00fcr eine &#8222;butch voice&#8220; K.D. Lang and the reclines &#8211; big boned gal (1989) Ein Country Loblied auf eine gro\u00dfe Frau, die tanzt wie der Teufel, gesungen von der Countrys\u00e4ngerin K.D. Lang, die sich kurz darauf, 1990 als lesbisch geoutet hat.<\/p>\n\n\n\n<p>&#8212;-<\/p>\n\n\n\n<p>15) Swing Out Sister &#8211; Break Out<\/p>\n\n\n\n<p>16) K.D. Lang and the reclines &#8211; big boned gal (1989)<\/p>\n\n\n\n<p>&#8212;-<\/p>\n\n\n\n<p>So, ich f\u00fcrchte, unsere Sendezeit l\u00e4uft langsam aber sicher dem Ende entgegen, und dabei g\u00e4be es noch so viel mehr aus dieser Sammlung zu berichten. Wir k\u00f6nnten \u00fcber Prince und seine gender bending Sex Inszenierung sprechen, \u00fcber David Bowie und seine Inszenierung vpn Androgynit\u00e4t oder uns der Frage widmen, warum die Sammlerin wohl Fan von Steely Dan war. Wir haben uns noch nicht die Blues und Jazz Platten angesehen und kein Wort \u00fcber die ethnographischen Aufnahmen aus aller Welt verloren.<\/p>\n\n\n\n<p>In dieser Sendung ging es darum, wie das Thema Gender und die spezielle Perspektive einer feministischen Aktivistin, Musikerin und musikbegeisterten Sammlerin immer wieder sehr pr\u00e4sent sind und uns eine ganz andere Popmusik Geschichte abseits des Kanons erz\u00e4hlen. Diese Geschichte macht einige Ausschl\u00fcsse des Kanons und mir deutliche eigene Wissensl\u00fccken deutlich. Eine Musiksammlung erz\u00e4hlt eine eigene Musikgeschichte, die uns auch immer etwas \u00fcber die Sammelnden verr\u00e4t. Mir hat diese zugegebenerma\u00dfen sehr zeitaufwendige Ann\u00e4herung an diese Sammlung bisher viel Spass gemacht. Es ist eine detektivische Arbeit, die noch nicht zuende ist. Ich lerne viel \u00fcber Musik, \u00fcber ihre Verbindungen zu LGBTQ+ Aktivismus und \u00fcber meine eigene Perspektive.<\/p>\n\n\n\n<p>Zum Abschluss m\u00f6chte ich jetzt noch ein St\u00fcck aus dem Bereich Fingerstyle Gitarre spielen, von dem einiges in der Sammlung ist. Khalil Gibran heisst das St\u00fcck von Robbie Basho, von seinem Album Zarthus aus dem Jahr 1974. Ein tolles St\u00fcck, sehr intim, mit Gitarre und Gesang im orientalischen Stil. Ein Versuch einer Synthese von Musik aus Ost und West.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich sage vielen Dank f\u00fcr\u00b4s zuh\u00f6ren. Bleibt Bits+Pieces und Radio Artland gewogen, bleibt gesund, wir h\u00f6ren uns bald wieder.<\/p>\n\n\n\n<p>17) Robbie Basho &#8211; Khalil Gibran (1974)<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>11.02.2021, Radio Artland, Manuskript der Radiocast Sendung Hallo, mein Name ist Holger Schwetter und ihr h\u00f6rt die zweite Folge meines Radiocasts Bits and Pieces hier auf Radio Artland am 11. Februar 2021. Heute m\u00f6chte ich etwas aus meiner laufenden Forschung &hellip; <a href=\"https:\/\/www.schwetter.de\/blog\/?p=617\">Weiterlesen <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[23,93,13,87,11],"tags":[],"class_list":["post-617","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-article","category-bits-pieces","category-musik","category-radiocast","category-waswirraustun"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.schwetter.de\/blog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/617","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.schwetter.de\/blog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.schwetter.de\/blog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schwetter.de\/blog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schwetter.de\/blog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=617"}],"version-history":[{"count":3,"href":"https:\/\/www.schwetter.de\/blog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/617\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":632,"href":"https:\/\/www.schwetter.de\/blog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/617\/revisions\/632"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.schwetter.de\/blog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=617"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schwetter.de\/blog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=617"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schwetter.de\/blog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=617"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}