Ein(e) Bibliothekar(in) gibt Bescheid

Vor kurzem habe ich Sheila Whiteleys „klassische“ Musikanalyse von Rock der späten 1960er und frühen 1970er Jahre antiquarisch gekauft. Sie versucht zu zeigen, dass und wie die psychedeliche Wirkung der Musik einerseits sozio-kulturell vermittelt, andererseits aber auch in ihrer musikalischen Struktur angelegt ist. Zumindest vermute ich das, denn ich habe bisher nur in einem Bibliotheksexemplar ein wenig quer gelesen und will jetzt mal genauer nachsehen.

Das bestellte Exemplar erwies jedenfalls ebenso als Bibliotheksexemplar, und zwar aus der Buffalo and Erie County Library im Staat New York, USA. Was mich überraschte, die Person, die das Buch aussoritert hat, hat im hinteren Buchdeckel eine handschriftliche Notiz hinterlassen (siehe Foto): „has never circulated in its 12 years here. Sucks the life right out of the Beatles, Hendrix, Pink Floyd …“

Whiteley-Space

Zumindest eine(r) scheint es gelesen zu haben und bescheinigt der Analyse, die Musik zu töten. Wie ist diese anti-analytische Haltung zu erklären? Die Anklage legt den Verdacht nahe, dass der Autor eine emotionale Verbindung zu der Musik besitzt. Dann hat sein Verriss möglicherweise etwas mit dem favorisierten Musik-Erleben der zeitgenössischen Hörer zu tun. Rolf-Dieter Brinkmann gibt in seinem Aufsatz Der Film in Worten von 1969 einige Hinweise darauf, wie die Musikwahrnehmung zu jener Zeit funktioniert:

„Losgelöst von vorgegebenen Sinnmustern wendet sich die Imagination dem Nächstliegenden, Greifbaren zu und entschlüpft durch ein Loch in der Zeit: Break on through to the other side, The Doors, 2 Minuten, 25 Sekunden, 27.1.69.“

Das Nächstliegende, das ist hier die musikalisierte Zeit, der nächste Takt, der kommende akustische Reiz. Das Greifbare ist dessen Materialität: der Sound. Dadurch entsteht ein >Zeitloch<, dessen Ausdehnung genau spezifizierbar ist: durch die Länge des Songs und den Moment des Erklingens. Die Quellenangabe, die Brinkmann hier vornimmt, wird als ein Zeitstempel gesetzt. Das Loch in der Zeit ist genau lokalisierbar, es ist deckungsgleich mit Zeitpunkt und Dauer des Musik-Erlebens. Brinkmann hat hier eine ästhetische Erfahrung auf paradoxe Weise literarisch ausgedrückt: das Entkommen gelingt durch die Hinwendung zum Naheliegenden, gemeint ist damit die Fokussierung der Aufmerksamkeit auf die erklingende Musik, ein Hineinfallen in den Klang und gerade kein analytisches Hören. Brinkmann hört nicht die Form, die Harmoniefolgen oder auf die Textinhalte, von diesen „vorgegebenen Sinnmustern“ will er sich lösen. Was genau die Metapher des Zeitlochs ausdrücken soll, wird nicht geschildert. Am ehesten lässt sich sagen, dass die musikästhetische Erfahrung eine andere, außeralltägliche und auf den Moment bezogene Zeitwahrnehmung motiviert, in der der unmittelbare Eindruck der ästhetischen Gestalt (hier im Medium des Klangs) die rationale, einordnende Wahrnehmung verdrängt. Hier geht es nicht nur um einen Aufbruch, sondern um einen Durchbruch zu ganz neuen ästhetischen Erfahrungen mit den Mitteln des Alltäglichen, z.B. mit einer Single von The Doors auf dem Plattenteller am Küchentisch sitzend. Es geht um die Verzauberung durch den Klangeindruck und den Verdacht, und der Autor der Bibliotheksnotiz hat den Verdacht, dieser werde beim analytischen Hören getötet.

Dabei handelt es sich nur um unterschiedliche Hörmodi, zwischen denen man durchaus hin und her wechseln kann. Diesen Unterschied als konflikthaft wahrzunehmen, hat auch damit zu tun, dass das analytische Hören lange Zeit als kulturell höherwertig galt (siehe Theodor W. Adornos berühmt-berüchtigte Hörertypologie), weil es auf ein rationales Verstehen hin ausgerichtet ist. Heute wissen wir, dass jede Art des Hörens kulturell geprägt ist und die für eine bestimmte Musikkultur passende Hörweise immer erst antrainiert werden muss. Daraus folgt für die Musikanalyse, dass die Wissenschaftler*innen die Hörweise herausfinden und berücksichtigen müssen, für die ein bestimmtes Musikstück geschrieben oder aufgenommen wurde – und ihre eigene als ebenfalls subjektiv begreifen und nachvollziehbar machen müssen. Ich bin jedenfalls gespannt, wie Sheily Whiteley in den späten 1980er Jahren vorgegangen ist.

Literatur:
Rolf Dieter Brinkmann: Der Film in Worten, in: Rolf Dieter Brinkmann, Ralf-Rainer Rygulla und Jörg Schröder (Hrsg.), ACID. Neue amerikanische Szene, Augsburg 2003, 381.
Sheila Whiteley, The space between the notes: rock and the counter-culture, London 1992.

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