Zwei Wessis im Jugendclub, Leinefelde 1987

Ich bin Jahrgang 1969 und habe 1988 in Niedersachsen Abitur gemacht. 1987 hat meine damalige Freundin Heike K. Im Rahmen einer Städtepartnerschaft von Georgsmarienhütte (unser Heimatort) und Leinefelde (Thüringen) eine Reise in die DDR gemacht. Dort lernte sie Karola kennen, ein gleichaltriges Mädchen kennen, mit dem sie sich gut verstand. Sie tauschten Adressen aus und blieben in Briefkontakt. Karola lud Heike ein, sie zuhause zu besuchen. Die Reise wurde von den Behörden genehmigt und im Herbst 1987 war es soweit: Heike und ich fuhren mit dem klapprigen, alten VW Polo ihrer Mutter Richtung DDR-Grenze.

Eigentlich war mein Plan, mit einem alten Mercedes 200 D aus den 1960er Jahren rüberzufahren, den mir ein etwas älterer Schulfreund leihen wollte. Er hatte den Wagen für 500,- DM auf dem Schrottplatz gekauft. Damals war die nationale Volkswirtschaft der BRD ziemlich abgeschottet, alte Autos wurden nicht exportiert, und so konnten wir Oberschüler sie für einen Betrag kaufen, der mit ein paar Nebenjobs leicht zu erwirtschaften war. Dieser alte Mercedes, schwarz, mit roter Lederausstattung, weißem Lenkrad und Lenkradschaltung, ging leider kurz vor unserer Reise kaputt. So blieb uns nur der alte, klapprige Polo von Heikes Mutter.

Leinefelde liegt nicht weit hinter der damaligen DDR-Grenze in Thüringen. Wir fuhren über einen kleinen Grenzübergang hinter Duderstadt, und der DDR-Grenzbeamte schnauzte mich gleich beim anhalten an, ich solle dafür sorgen, dass mein Motor hier nicht soviel Dreck mache. Völlig aufgeregt machte ich den Motor aus und öffnete die Motorhaube. Nichts auffälliges war zu sehen. Auch der Grenzbeamte konnte nichts entdecken. Nach der Passkontrolle wies er mich an, weiterzufahren. Am liebsten wäre ich sofort nach der Grenzkontrolle wieder angehalten, aber es gab ja die 5 Kilometer Sperrzone, in der man absolut nicht halten durfte. Im ersten Dorf nach der Sperrzone hielt ich schließlch bei einer kleinen Tankstelle und öffnete die Motorhaube erneut, diesmal bei laufendem Motor. Mir stockte der Atem. Kurz vor dem Vergaser war die Benzinleitung undicht und das Benzin sprudelte über den heißen Motorblock. Heike stoppte den Motor. Was tun? Der Tankwart, der uns aus seinem kleinen Häuschen zusah, kam sofort heraus, fragte, was los sei und sah sich das Problem an. Wir brauchten einen neuen Benzinschlauch, mindestens ein kleines Stück. Den nächsten Autofahrern, die mit ihren Trabbis zum tanken hielten, wurde vom Tankwart die Diagnose mitgeteilt und sie fuhren los, um ein Stück Benzinschlauch aufzutreiben. Vielleicht durchwühlten sie eigene Vorräte und Horte oder fragten weitere Bekannte, ich weiß es nicht. Nach und nach kamen sie zurück, und nach einer halben Stunde war klar: niemand hatte einen Benzinschlauch auftreiben können. Unser Helfer dachte kurz nach und seufzte. Dann öffnete er die Seitenklappe einer Tanksäule und schnitt ein Stück vom Überlaufschlauch der Zapfsäule ab. Damit ersetzten wir das defekte Stück Benzinschlauch. Es funktionierte, wir konnten wieder fahren. Ich war sehr gerührt von dieser spontanen, kollektiven und unbürokratischen Hilfsaktion und wusste nicht, wie ich mich bedanken sollte. Ich bot unserem Helfer 20,- DM an, als Dankeschön. Davon wollte er zunächst nichts wissen, erst nach einigem Bitten und überreden nahm er das Geld an.

Heilfroh, das die Panne so schnell behoben war, machten wir uns auf den Weg zu unserer Gastfamilie. Diese wohnte in einer typischen Plattenbausiedlung. Wir wurden offen und freundlich aufgenommen. An zwei Abenden diskutierten wir ausführlich über Ost- und Westdeutschland. Ich war sehr erstaunt über das Bild, das unsere Gastgeber von der BRD hatten. Sie glaubten, dort ginge es allen gut, alle hätten Arbeit und lebten in großen Einfamilienhäusern. Im Prinzip so, wie in der damals berühmten Werbung für Jacobs-Kaffee: eine gut situierte Großfamilie sitzt im Sonnenschein auf der Terasse, alle sind glücklich, sie lachen und die Sonne taucht alles in helle, freundliche Fabren, während die Ehefrau Kaffee einschenkt. Da wurde mir klar, welch ein Abbild des Lebens das Westfernsehen bot. Was für ein Bild sich ergibt, wenn man nur die mediale Repräsentation eines Landes in Fernsehen und Radio zur Verfügung hat. Sicher, wir kritischen Geister im Westen nahmen auch die kritischen Sendungen wahr, aber die sind wahrlich in der Minderzahl, damals wie heute. Traumschiff, Schwarzwaldklinik, Dallas und so weiter: das Fernsehen zeigte und zeigt vor allem das Leben der Mittelschicht und der darüber. Die Anderen kommen darin kaum vor. Dieses Wochenende brachte mir also eine Lektion in Medienkunde und lange Versuche, mein Gegenüber zu überzeugen: Bei uns gibt es Arbeitslose und Arme und große soziale Unterschiede. Das ist wahr, garantiert. Unsere Gastgeber zeigten völliges Unverständnis und glaubten uns nicht.

Am Samstagabend gingen wir mit Heikes neuer Freundin zur Diskothek in den örtlichen Jugendclub. Es war rappelvoll. Zwei DJs legten mit zwei Kassettenrekordern fast ausschließlich Lieder aus dem Westen auf, die sie, so vermutete ich, wohl aus dem Radio aufgenommen hatten. Die Besucher waren gut gelaunt und tanzten viel. Heike erinnert sich noch gut an das Lied Am Fenster von City, das dort gespielt wurde. Sie sagte, getanzt wurde wenig und bei dem Lied überhaupt nicht. In meiner Erinnerung erreichte die Stimmung einen Höhepunkt, als die DJs den Song Mercedes Benz von Janis Joplin spielten. Alle sangen die Refrainzeile aus vollem Hals mit: „O Lord won´t you buy me a Mercedes Benz“. Der konsumkritische Unterton, den Janis Joplin in dem Song angelegt hat, indem sie im Stil eines klagenden Blues von nicht erfüllten Konsumwünschen singt, wurde in diesem Moment nicht als ironisch wahrgenommen, hier wurde der Blues zum Ausdruck eines wirklichen Leidens. Die Leute hier meinten es genauso so: sie wollten den Mercedes Benz voller Verzweiflung, denn er blieb unerreichbar hinter einer Systemgrenze verborgen. Wofür sie sangen, war die Forderung nach der Teilhabe an den verheißungsvollen Früchten des Westens, und damit letztlich für einen Systemwechsel. Der Song wurde hier zu einer feucht-fröhlich-frechen Forderung nach Reformen.

Spätestens in diesem Moment begriff ich, was ich in den vorigen Gesprächen bereits geahnt hatte und wurde dankbar dafür, dass wir nicht im Mercedes 200 D meines Kumpels dort vorgefahren sind. Wären wir als Oberschüler in einem solchen Wagen angekommen, das verzerrte Bild des verheißungsvollen Westens wäre für alle, die uns gesehen hätten, noch viel mehr zu einem geworden, in dem alle Früchte golden sind.

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